Unternehmerisches Handeln heute

Dr.-Ing. Dieter Simpfendörfer, Geschäftsführer Ortlieb Präzisionssysteme GmbH & Co. KG Kirchheim, über Leitgedanken und Handlungsmaximen für unternehmerisches Handeln in Zeiten schneller Veränderungsprozesse und des durchgreifenden Wertewandels.

Das gesellschaftliche Zusammenleben in entwickelten Industrieländern mit westlicher Prägung ist sich beschleunigenden Veränderungsprozessen unterworfen, deren Mechanismen oft schwer zu durchschauen oder gar in Gänze zu begreifen sind. So werden die Konsequenzen des individuellen oder auch des kollektiven Handelns immer schwerer voraussehbar, mithin immer häufiger erst am Ende erlebbar. Nicht selten sind die Imponderabilien der Rahmenbedingungen, unter denen das Handeln stattfindet, so groß, dass trotz besten Bemühens um eine hohe Entscheidungsgüte ungewollte Fehlentwicklungen eingeleitet werden, welche später ähnlich wie bei entropisch verlaufenden Naturgeschehnissen kaum noch aufzuhalten, geschweige denn zu korrigieren sind.

 

 

Veränderungsprozesse von gesellschaftlicher, also ganzheitlicher Bedeutung sind vor allem durch

 

  • - politische Einflussnahmen und Entscheidungen,
  • - technisch/technologische Entwicklungen sowie die
  • - für Außenstehende nur schwer zu durchschauenden Mechanismen der Finanzmärkte

 

 

dominiert. Sie wirken auf soziologische oder wirtschaftliche Gesamtsysteme ein, deren Weiterentwicklungen einer gewissen Stetigkeit und Ablauflogik gehorchen, sofern man sie sich selbst überlässt. Schwierig wird es dagegen immer, sobald sich die Prozesse nicht mehr kontinuierlich, sondern disruptiv vollziehen. Man denke in diesem Zusammenhang an die über Nacht jeweils autokratisch gefallenen Entscheidungen zum Umgang mit der Flüchtlingskrise oder zur situativ herbeigeführten Energiewende in Deutschland. Ein weiteres Beispiel sind die erkennbar ideologisch motivierten Bestrebungen der Politik, der an sich sehr fortschrittlichen Dieseltechnologie ohne hinreichende wissenschaftliche und technische Fundiertheit so schnell wie möglich den Garaus zu machen. Es muss unterstellt werden, dass einer der größten Unsicherheitsfaktoren, die den augenblicklichen Transformationsprozess in der automobilen Antriebstechnik orchestrieren, von der Gefahr dirigistischer Einflussnahmen seitens der Politik in die eine oder andere Richtung heraufbeschworen wird. Es ist zwar erkennbar, dass die Präferenzen der Politik in Richtung der Elektroantriebe gehen; nicht erkennbar ist aber zum Beispiel, wie reagiert werden soll, sobald die Chinesen kein Interesse mehr verspüren, ihre für die Produktion von Fahrzeugbatterien unerlässlichen Seltenen Erden, über deren Vorkommen sie fast marktmonopolistisch verfügen, an konkurrierende Importländer zu verkaufen. Offene Fragen ranken sich für jedermann erkennbar natürlich auch um die fehlende Infrastruktur hinsichtlich Stromerzeugung und -weiterleitung. Zudem fehlt es an öffentlichen Expertendiskussionen, die sich mit der Frage der Energiebilanz oder auch der Umweltgefährdung durch die Langzeitlagerung hochtoxischer Materialien bei Elektroantrieben beschäftigen, sofern deren Gesamtlebenszyklus die Grundlage der Betrachtung bildet. Verlässliche Rahmenbedingungen für geordnetes unternehmerisches Handeln sehen bei objektiver Betrachtung anders aus.  

 

Das Aktionsfeld für Industrieunternehmen ist auch deshalb so schwierig geworden, weil man den Eindruck haben muss, die Politik billige der Wirtschaft und den sie tragenden Unternehmen eine Rolle zu, die mit derjenigen aufdringlicher und subalterner Lobbyisten zu vergleichen sei, wo es doch eigentlich viel eher darum gehen sollte, den wohlwollenden Schulterschluss von Politik und Wirtschaft herzustellen und für verlässliche ökonomische Rahmenbedingungen zu sorgen oder auch Schutzmechanismen zu implementieren, um deutsche Unternehmen und deren know how im Bedarfsfall, also bei hohem nationalen Interesse, besser vor ausländischen Übernahmen zu schützen. Der Fall KUKA ist hierfür nicht nur ein Präzedenz-, sondern auch ein katastrophaler Sündenfall. Und dass Frau Kramp-Karrenbauer den Interessen der Wirtschaft nicht die höchste Wertigkeit einzuräumen beabsichtigt, ist ein weiterer Beleg dafür, wie erschreckend indifferent in politischen Kreisen gedacht wird und wie wenig Wissen und Gespür in der Politik über und für die Mechanismen einer hochentwickelten und zum Erfolg verdammten Industrienation mit immer noch beachtlichem Produktionsanteil vorhanden sind; dies erscheint umso problematischer, als die Wettbewerbsfähigkeit einer nationalstaatlichen Wirtschaft auch immer mit dem unterstützenden Wohlwollen und dem Sachverstand der politischen Führungseliten korrespondiert.    

 

neuzeitliche unternehmerische Kooperationsformen

Großen und multinational operierenden Unternehmen kommt das Privileg zu, ihre geschäftlichen Aktivitäten bei sich verschlechternden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen am heimischen Standort ins Ausland verlagern zu können; mittelständischen Unternehmen wie Ortlieb ist diese Option, zumal über sehr große Entfernungen hinweg, von vorne herein verwehrt.

 

Daher sollten gerade mittelständische Unternehmen ggf. auch ungeachtet bestehender Konkurrenzsituationen nicht nur den Dialog miteinander intensivieren, sondern auch eine größere Bereitschaft zur aktiven Zusammenarbeit im Rahmen des Einbezugs in Netzwerke oder der Teilhabe an Unternehmensclustern entfalten; dies mit dem Ziel, die jeweiligen Ressourcen zu bündeln sowie die eigenen Kompetenzen im Sinne der Synergiebildung durch diejenigen anderer Unternehmen komplementär zu ergänzen. So beabsichtigt Ortlieb, zukünftig eigene Erzeugnisse über eine Industrie 4.0-gerechte elektronische Verkaufsplattform zu vertreiben, auf der sich eine direkte Gegenüberstellung mit Konkurrenzprodukten ergeben wird. Andere Formen der Zusammenarbeit sind denkbar, indem damit begonnen wird, die Produktionsressourcen mehrerer Firmen mit ähnlicher Ausrichtung unternehmensübergreifend auch für wechselseitige Lohnfertigungszwecke zur Verfügung zu stellen, um z. B. einen durchschnittlich höheren Auslastungsgrad und damit eine größere Wirtschaftlichkeit zu erreichen. Auch sind Kooperationspartnerschaften unter mittelbaren Konkurrenten zumindest theoretisch denkbar, um beispielsweise die bisherige Rolle des klassischen Komponentenlieferanten gegen diejenige des zukünftigen Mitanbieters von größeren Systemlösungen einzutauschen; man denke in diesem Zusammenhang exemplarisch an ARGE-Projektpartnerschaften im Baugewerbe. Sofern solche Clusterbildungen von staatlicher Seite durch Fördermaßnahmen Unterstützung finden könnten, wäre dies uneingeschränkt zu begrüßen. Weitere Wege öffnen sich unter Umständen, wenn Verbände wie das RKW oder auch Organisationen wie die STEINBEIS-Stiftung bei der Lösung von technischen, personellen bzw. betriebsorganisatorischen Problemen mit reichhaltigem Expertenwissen und flankierender Staatsförderung beratend zur Seite stehen

 

 

Aspekte der Standortsicherung

Ungeachtet der oben genannten Überlegungen stellt sich natürlich gerade in den strukturstarken und damit besonders hochpreisigen Gegenden Deutschlands die Frage, durch welche Maßnahmen bei  produzierenden Unternehmen eine nachhaltig gestärkte Wettbewerbsposition erreicht werden kann; diese Frage stellt sich umso dringlicher für Unternehmen, deren Marktorientierung international ausgerichtet ist und die den Aspekten und Spielregeln der Globalisierung im Wettstreit um den Erhalt von Aufträgen in vollem Umfang unterworfen sind.  

 

Eine allgemeingültige und damit pauschale Antwort lässt sich sicherlich nicht geben; zu unterschiedlich und individuell mögen doch trotz allem die direkten Rahmenbedingungen für ein jedes der betroffenen Unternehmen sein.

Bei Ortlieb lauteten die Antworten auf zunächst noch offene Fragen der Standortsicherung jedenfalls wie folgt:

·         Bringe das Unternehmen in einem Gebäude unter, dessen hohe Energieeffizienz den geringstmöglichen Einsatz an Primärenergie erfordert; schaffe also ein Höchstmaß an bauwerksbezogener Energieautarkie.    

 

·         Produziere auf Werkzeugmaschinen, die im Durchschnitt über den höchstmöglichen Automatisierungsgrad verfügen.

·         Kreiere ein Arbeitsumfeld für die Beschäftigten, das vor allem orientiert an den Kriterien Raumakustik, Luftklimatisierung und Beleuchtungstechnik den größtmöglichen Raumkomfort bietet und die geeignetsten Voraussetzungen dafür schafft, dem Gesundheitserhalt der Belegschaftsmitglieder ganz vorrangig zu dienen.

Diese Trias investitionsbasierter Maßnahmen wurde bei Ortlieb über einen Zeitraum von mehreren Jahren im Sinne eines Veränderungsprozesses durch die Errichtung eines der energieeffizientesten Firmengebäude in Deutschland und durch die Substitution eines Großteils des ursprünglichen Parks an Werkzeugmaschinen konsequent umgesetzt.

 

 

Humanressourcen als Wettbewerbsfaktor

Nur begrenzt zu beeinflussen war dagegen ein vierter, ebenfalls entscheidender Faktor, der sich auf die Möglichkeit bezog, zu jedem Zeitpunkt bedarfsweise hinreichend qualifiziertes Fachpersonal am Arbeitsmarkt finden zu können. Uneingeschränkt boten sich solche Möglichkeiten in den Funktionsbereichen Vertrieb, Konstruktion, Entwicklung und Personalwesen, nicht dagegen waren solche Möglichkeiten über einen sehr langen Zeitraum im gewerblichen Bereich, also im Bereich der Produktion gegeben. Erst neuerdings scheint am Arbeitsmarkt eine gewisse Beweglichkeit zurückgekehrt zu sein, die die Akquise von gewerblichem Fachpersonal zu einem nicht mehr per se unlösbaren Problem geraten lässt.

 

Solange die Politik nicht davon ablässt, einer kapitalen Fehlsteuerung in der Qualifizierung junger Menschen das Wort zu reden, die der Ausbildung an Hochschulen und Universitäten ungeachtet von Talent und Begabung des Einzelnen in der öffentlichen Debatte hinsichtlich Sozialimage und Verdienstmöglichkeiten den Primat einräumt, um damit gerade in den sog. MINT-Fächern Abbrecherquoten von über 40 % mehr oder weniger kommentarlos quasi im Sinne eines permanenten Kollateralschadens in Kauf zu nehmen und um gleichzeitig gewerbliche und handwerkliche Berufe im Quervergleich als zweitklassig zu stigmatisieren, wird Deutschland als Industriestandort gegenüber konkurrierenden Ländern dauerhaft mit einem massiven Wettbewerbsnachteil konfrontiert sein, der sich umso stärker ausprägen wird, je eher die Angehörigen der geburtenstarken Jahrgänge das Rentenalter erreicht haben werden.

 

Ein weiterer Aspekt darf im HR-Bereich nicht außer Acht gelassen werden. Es ist die Hinterfragung desjenigen, was im weitesten Sinne unter Arbeitsmoral und Leistungsbereitschaft verstanden wird, wie sie mittlerweile zeitgeistig geworden sind. Es scheint, wir wohnten einer Entwicklung bei, die unter dem Rubrum der Work-Life-Balance immer stärker durch hedonistische Geisteshaltungen der Berufstätigen geprägt ist. Über einen langen Zeitraum gelang es gerade produzierenden Unternehmen durch investitionsgetriebene Produktivitäts- und Effizienzsteigerungen Schmälerungen bei den Regelarbeitszeiten von Werktätigen auszugleichen oder gar über zu kompensieren. Doch ist nunmehr der Moment erkennbar, wo dies trotz allen technischen Fortschritts gerade auch wegen des Fachkräftedefizits so ohne weiteres nicht mehr möglich sein wird.

 

Eine zweite Beobachtung sollte in diesem Zusammenhang bedacht werden; es ist der grassierende Mangel an Bereitschaft, nicht nur Verantwortung für das Gemeinwesen eines Unternehmens, egal an welcher Stelle, zu übernehmen, sondern auch Tugenden wie Demut und Pflichtbewusstsein für die Erledigung konkreter Aufgabenstellungen oder die Verrichtung entsprechender Tätigkeiten zu entwickeln. Die sich hierin widerspiegelnde Verlagerung von Verantwortung und Leistungswillen auf immer weniger Schultern kann hauptsächlich als ein erzieherisches Problem verstanden werden, das für sich genommen Generationengeduld in der Umkehrung erfordert. Im Messen mit internationalen Wettbewerbern und dem sich erweisenden Grad an Konkurrenzfähigkeit gegenüber anderen führenden Wirtschaftsnationen wird sich demgegenüber ähnlich einem Lackmustest viel schneller zeigen, wohin der Weg Deutschlands als bisher noch beachtete Wirtschaftsnation führt. Beides, einen hohen Lebensstandard und einen Mangel an Bereitschaft, ihn zu erarbeiten, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht geben.     

 

zum Unternehmen

Bei der im Jahre 1911 gegründeten Ortlieb Präzisionssysteme GmbH & Co. KG dürfte es sich um den weltweit ältesten Hersteller von Spannsystemen für Werkzeuge und Werkstücke auf Werkzeugmaschinen handeln. Neben ergänzenden Sonderspannlösungen jeglicher Art werden in einer zweiten Produktreihe auch elektromotorisch angetriebene Linearaktuatoren, sog. Elektrozylinder, für vielfältige Applikationen hergestellt. Das Unternehmen verfügt über eine vollständig ausgebildete betriebliche Infrastruktur und weist eine hohe Wertschöpfungstiefe von über 80 % auf; es agiert mit einer Exportquote von über 40 % auch international. Im Jahr 2017 wurde ein neues Firmengebäude in Zell unter Aichelberg im Landkreis Göppingen bezogen, das hinsichtlich der Kriterien Umweltschutz und Primärressourcenschonung zum Innovativsten gehört, was der deutsche Industriebau aktuell zu bieten hat.   

 

zur Person

Dieter Simpfendörfer ist promovierter Ingenieur der Produktionstechnik und des Werkzeugmaschinenbaus. Nach einer wissenschaftlichen Tätigkeit bei o. Prof. Dr.-Ing. h. c. mult. Dr.-Ing. E. h. mult. Dr.-Ing. Günter Spur am Produktionstechnischen Zentrum der TU Berlin beschäftigte er sich über Jahrzehnte hinweg mit der Sanierung von Industrieunternehmen aus unterschiedlichsten Branchen. Seit April 2010 ist er Geschäftsführer der Ortlieb Präzisionssysteme GmbH & Co. KG. Zudem ist er Träger der Otto-Kienzle-Gedenkmünze.   

0 Kommentare

Ihr Kommentar zum Thema