Uneingeschränkter Grund zur Freude

Wirtschaftsrat-Präsident Werner M. Bahlsen erklärt, warum auch der Sozialstaat von einer steigenden Lebenserwartung profitieren kann.

Um die Zukunftsfähigkeit Deutschlands zu sichern, sind mutige Reformen und verantwortungsbewusste Weichenstellungen wichtiger denn je. Die Alterung der Bevölkerung und der medizinische Fortschritt stellen unser Land vor große Herausforderungen, die wir nur in Solidarität zwischen Jungen und Alten meistern können. Ganz bewusst müssen wir uns generationenübergreifend den Herausforderungen des demographischen Wandels stellen und den Ausgleich miteinander finden.

 

Die Bundesregierung kann sich zugutehalten, die Sozialversicherungsbeiträge bei insgesamt etwa 40 Prozent vorübergehend stabilisiert zu haben. Ohne grundlegende Reformen wird dies nicht lange so bleiben. Denn schon heute schlummern beträchtliche Kostensteigerungen in den sozialen Sicherungssystemen, die die Abgabenlast massiv in die Höhe treiben werden: Der Rentenbeitrag wird von heute 18,7 Prozent auf voraussichtlich 24 Prozent im Jahr 2030 ansteigen. Das 2014 geschnürte Rentenpaket mit Zukunftslasten von insgesamt 285 Milliarden Euro, die größtenteils bis 2030 anfallen, hat hieran einen erheblichen Anteil. Doch erst danach wirkt sich der demographische Wandel so richtig aus und führt zu massiven Kostensteigerungen. Bis 2060 werden die Sozialabgaben nach Berechnungen des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ohne Gegenmaßnahmen bis auf rund 49 Prozent nach oben schnellen. Davon entfallen dann allein gut 26 Prozent auf Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung. Das sind über 40 Prozent mehr als Erwerbstätige heute einzahlen.

 

Eine solche Last würde die Lebensperspektiven der jungen Generation ganz erheblich einschränken – zumal auch noch die Steuern dazu addiert werden müssen. Eine solche Entwicklung lehnt der Wirtschaftsrat im Sinne der Generationengerechtigkeit ab. Zudem würde eine derart drückende Abgabenlast die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands und damit das Fundament unseres Sozialstaates erschüttern: Denn soziale Sicherheit braucht wirtschaftlichen Erfolg.

 

Auch Karl Kardinal Lehmann hat eindringlich vor einer Überdehnung des Sozialstaates in Deutschland gewarnt: „Wenn sich nichts ändert, wenn alles so bleibt, wie es ist, werden die Schwachen die Leidtragenden sein, weil sie in besonderer Weise auf die Absicherung eines funktionierenden Sozialstaates angewiesen sind.“ Zum Wohle unserer Kinder und Enkel müssen wir verhindern, dass es so weit kommt. Wenn wir wollen, dass die Solidarität weiterhin allen zugutekommt und wir dort einspringen können, wo sie nötig ist, müssen wir die sozialen Sicherungssysteme auf eine neue Basis stellen. Das bedeutet, den Sozialstaat so zu reformieren, dass er nur dort eingreift, wo die Menschen sich nicht selbst helfen können. Am Ende lässt sich nur auf dann eine Überforderung von Sozialstaat, Wirtschaft und Beitragszahlern verhindern.

 

Gerade in der aktuell wieder sehr emotional geführten Rentendebatte müssen wir im Blick behalten, dass die Kosten der sozialen Sicherungssysteme ohne weitere Reformen ohnehin in absehbarer Zeit jedes erträgliche Maß überschreiten werden. Falls wir nicht wollen, dass entweder die Beitragssätze der Erwerbstätigen dramatisch ansteigen oder aber das Rentenniveau der Älteren noch deutlicher als ohnehin geplant abfällt, bleibt nach meiner Überzeugung allein eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit als Lösung. Ich selbst mit meinen mittlerweile 67,5 Jahren möchte in aller Bescheidenheit zum Ausdruck bringen, dass ich mich durchaus voll leistungsfähig fühle und Freude an meiner Arbeit habe. Viele Senioren kämpfen für ein aktives Leben der älteren Generation und bewerten dies für sich wahrscheinlich ganz ähnlich.

 

Tatsächlich profitieren wir in hohem Maße von der steigenden Lebenserwartung. Während bei Einführung der staatlichen „Invaliditäts- und Altersversicherung“ unter Reichskanzler Otto von Bismarck im Jahr 1889 die durchschnittliche Rentenlaufzeit sieben Monate betrug, sind wir heute mittlerweile bei fast 20 Jahren angelangt. Allein seit den 1960er Jahren hat sich der Lebensabschnitt nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben fast verdoppelt. Wenn wir künftig – auch über das 67. Lebensjahr hinaus – einen Teil der zusätzlich geschenkten Lebenszeit für die Erwerbstätigkeit einsetzen und den anderen Teil frei zur Gestaltung unseres Ruhestandes nutzen, halte ich dies für einen guten Ansatz. Dann ist die steigende Lebenserwartung für uns alle uneingeschränkt ein Grund zur Freude.

 

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