Die Krise als Chance begreifen

©Jens Schicke

Die Bewältigung der Pandemie stellt unser Land neben gesellschaftspolitischen vor weitere große Herausforderungen: Wie kommen wir nachhaltig gestärkt aus der Krise? Wie verbessern wir die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft? Wie erhalten wir unseren Lebensstandard?

Von Dr. André Berghegger MdB, Stellvertretender haushaltspolitischer Sprecher, CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag

Die Parteien geben hierzu unterschiedliche Antworten. Aus dem linken Spektrum kommen die immer gleichen Rezepte: Steuererhöhungen und die Einführung einer Vermögenssteuer beziehungsweise -abgabe. Dabei werden rechtliche und bürokratische Hürden ausgeblendet. Gerade mit Blick auf die Steuererhöhungen für sogenannte „Spitzenverdiener“ darf man sich nicht auf populistisches Glatteis führen lassen, träfen diese doch unsere Leistungsträger: die Handwerker und Selbstständigen sowie den Großteil unserer Unternehmer, die als Personengesellschaften arbeiten und damit zur Einkommenssteuer veranlagt werden.

Fiskalpolitisch stehen wir an einem Scheideweg. Fast ein Jahrzehnt lang konnte der Staat in jedem Jahr auf sprudelnde Steuereinnahmen und damit auf immer umfangreichere Haushalte blicken. Zu verdanken war dies der starken wirtschaftlichen Entwicklung, die sich in jährlichen Wachstumsraten von bis zu 2,6 Prozent zeigte.

Doch schon vor der Corona-Krise verdichteten sich die Hinweise darauf, dass die deutsche Wirtschaft dieses Wachstum nicht beibehalten würde. Für das Jahr 2020 rechnete der Sachverständigenrat mit einem Wachstum von nur noch 0,5 Prozent. Mit Beginn der Corona-Pandemie war auch diese Prognose nicht mehr zu halten. Die starken Beeinträchtigungen von Wirtschaft und Gesellschaft führten schließlich zu einem Einbruch des Bruttoinlandsproduktes um 4,8 Prozent.

Der eingeschlagene Weg der Transformation der Wirtschaft hin zu Klimaneutralität wird unsere Industrienation zusätzlich sehr stark fordern. In der kommenden Legislaturperiode müssen daher die richtigen Entscheidungen getroffen werden, damit Deutschland nachhaltig gestärkt und wettbewerbsfähig aus der Krise hervorgeht. Eine Krise bietet auch immer Chancen.

Unser Staat muss in erster Linie verlässlich für die Menschen sein. Er muss sich um die „wesentlichen“ Staatsaufgaben kümmern, die kein anderer besser oder genauso gut leisten kann. Dabei muss er einfacher, schneller und digitaler werden. Immer im Blick sein muss dabei eine solide Haushaltsführung.

Die Kritik der anderen Parteien an der von Wolfgang Schäuble geprägten Schwarzen Null, einem Markenkern der Union, ist inzwischen aus gutem Grund verstummt. Denn es waren genau diese Politik und die ausgeglichenen Haushalte, die es uns erst ermöglicht haben, die umfangreichen Corona-Hilfsmaßnahmen zu finanzieren. Neben den Rekordschulden aus 2020 und für 2021 sieht die mittelfristige Finanzplanung des Bundesfinanzministers bis 2023 weitere Kreditaufnahmen zur wirtschaftlichen und sozialen Stabilisierung vor, ehe die Schuldenbremse wieder regulär eingehalten werden soll. Die Rückzahlung der „Pandemie-Kredite“ beginnt ab 2026.

Eine frühe Rückkehr zu geordneten haushalterischen Verhältnissen ist nicht nur wünschenswert, sondern erklärtes Ziel der Union. Nur mithilfe fiskalischer Disziplin schaffen wir die notwendigen Spielräume für zukünftige Herausforderungen, die zweifelsohne wieder auftreten werden. Der von anderen Parteien geforderte finanzpolitische Bruch oder gar die Abschaffung der Schuldenbremse ist für mich, gerade auch nach den Erfahrungen der Pandemie, nicht nachvollziehbar. Die CDU muss sich vielmehr noch schützender vor den Bundeshalt stellen.

Deutschland ist ein starkes und zugleich solidarisches Land. In der Krise haben wir das trotz mancher Fehler deutlich bewiesen. Nach meinem Dafürhalten erreichen wir den Pfad der haushaltspolitischen Solidität nur durch ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum und klare Prioritäten bei den Ausgaben. Wir müssen mobilisieren, was der wirtschaftlichen Entwicklung dient. Dazu zählen zum Beispiel der Bürokratieabbau und die Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit durch eine Reform der Unternehmensbesteuerung.

Wir müssen uns auf das besinnen, was dieses Land stark gemacht hat: die Kreativität und die Leistungsbereitschaft des Einzelnen und die wirtschaftliche Stärke der Unternehmen. Die Bundesregierung hat in der Frühjahrsprojektion ein Wachstum von 3,5 Prozent in diesem und 3,6 Prozent im nächsten Jahr prognostiziert. Andere Akteure rechnen mit einer noch stärkeren wirtschaftlichen Erholung. So geht die grundsätzlich zurückhaltende Bundesbank von einem Wachstum von 3,7 Prozent in diesem und 5,2 Prozent im nächsten Jahr aus.

Nur nachhaltiges Wachstum erhält unseren Wohlstand. Wenn uns das gelingt, werden andere unserem Beispiel folgen. Das gilt sowohl für unser demokratisches Gemeinwesen und unseren Sozialstaat als auch insbesondere für die Klimapolitik. Ohne jeden Zweifel ist der Klimaschutz eine der bedeutendsten internationalen Herausforderungen. Aber derart komplexe Sachverhalte lassen sich nicht mit einfachen Kausalitäten lösen, sondern erfordern differenzierte Lösungen. Diese bietet die Union an. Es muss unser Ziel sein, niemanden gegeneinander „auszuspielen“, sondern unterschiedliche Interessen miteinander in Einklang zu bringen. Dies unterscheidet uns von den Grünen, denn Klima- und Umweltschutz müssen immer zusammen mit wirtschaftlicher Entwicklung und sozialer Sicherung gedacht werden.

Ich vertraue den Bürgerinnen und Bürgern und den Unternehmen, die besonders in Deutschland, einem Land mit wenigen Bodenschätzen, für ihren Ideenreichtum bekannt sind. Unternehmensgründungen und die wirtschaftliche Selbstständigkeit müssen in Deutschland ebenso erfüllbar bleiben wie der Traum vom Eigenheim. Die Union muss daher kraftvoll unser Land so gestalten, dass die Rahmenbedingungen diesem Ideenreichtum die notwendige Luft zum Atmen geben.

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