Das Rentenalter muss atmen können

Die Rente macht wieder einmal Negativschlagzeilen, die irreführend sind. Hauptgrund für die langfristige Belastungssteigerung ist der erfreuliche Umstand, dass die Lebenerwartung wächst und wächst. Kein Rentensystem kann immer mehr Rentenbezugszeit finanzieren, wenn die Lebensarbeitszeit gleich bleiben soll. Deshalb ist die vernünftige Alternative die Lebensarbeitszeit der Lebenserwartung anzupassen und zielgerichtet Armut zu vermeiden. Ein Gastbeitrag von Prof. Axel Börsch-Supan, Ph.D. Direktor Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik Munich Center for the Economics of Aging (MEA).

Zwischen 1992 und 2007 fand eine Reihe von Rentenreformen statt, die das System der Alterssicherung in Deutschland deutlich gestärkt haben, so dass es seine wesentlichen Funktionen weiterhin erfüllen kann, gleichzeitig aber langfristig finanzierbar bleibt. Zentrale Elemente waren die Einführung der Nettorentenanpassung und der Zu- und Abschläge durch Norbert Blüm im Jahr 1992, die Verlangsamung des Anstiegs der Altersrenten durch den Nachhaltigkeitsfaktor unter Ulla Schmidt 2004, sowie die schrittweise Anhebung der Regelaltersgrenze von 65 bis auf 67 Jahre für die Geburtsjahrgänge 1947 bis 1964 durch Franz Müntefering 2007.

 

In der laufenden Legislaturperiode wurde mit der Einführung der „Rente mit 63“ für besonders langjährige Versicherte eines dieser Reformelemente teilweise zurückgenommen. Auch wurden der gesetzlichen Rentenversicherung mit der „Mütterrente“ für die nächsten Jahrzehnte zusätzliche Ausgaben in insgesamt dreistelliger Milliardenhöhe aufgebürdet. Dennoch sind die großen „Haltelinien“ der gesetzlichen Rentenversicherung bis zum Jahr 2030 gesichert: Das Rentenniveau wird bis dahin nicht unter 43 Prozent fallen und der Beitragssatz nicht über 22 Prozent steigen. Die Kaufkraft der Renten wird zudem weiter steigen, denn ein Sinken des Rentennioveaus bedeutet nur, dass die Renten langsamer als die Löhne steigen – steigen werden sie weiterhin.

 

Dennoch überschlagen sich derzeit die Negativschlagzeilen. Der Rentenversicherungsbericht prognostiziert nun bis 2045 anstatt bis 2030, was an und für sich löblich ist, denn Altersvorsorge braucht langfristige Planung. Er zeigt jedoch, dass die soziale Sicherung in Deutschland über 2030 hinaus nicht nachhaltig finanziert ist. Nach 2030 dürften bei bestehender Gesetzeslage und – das ist sehr wichtig zu betonen – bei gegenwärtigem Renteneintrittsverhalten diese Haltelinine in Gefahr kommen. Das liegt zunächst am immer noch wachsenden Altenquotienten im Zeitraum zwischen 2030 und 2040 bis die stark besetzten Babyboom-Jahrgänge verstorben sein werden. Danach liegt es ausschließlich an der als weiter stetig wachsend angenommenen Lebenserwartung.

 

Bezieht man auch die Kranken- und Pflegeversicherung ein, droht weiteres Umgemach. Ohne adäquate Maßnahmen droht der Gesamtbeitragssatz in der Sozialversicherung von heute knapp 40 Prozent auf weit über 50 Prozent zu steigen, was nicht nur den Anstieg der Nettolöhne dämpfen, sondern auch die Wachstumsdynamik der deutschen Wirtschaft schwächen würde. Wir würden wieder dahin gelangen, wo wir in den 1990er Jahren schon einmal waren: Deutschland bekäme wieder die rote Laterne beim Wirtschaftswachstum, weil die Arbeitsanreize sowohl für Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber durch die hohen Lohnnebenkosten stark verringert würden.

Warum sind diese Negativschlagzeilen dennoch irreführend? Hauptgrund für die langfristige Belastungssteigerung ist der an und für sich höchst erfreuliche Umstand, dass die Lebenerwartung wächst und wächst: bis 2045 um weitere rund sieben Jahre. In den Progosen wird aber angenommen, dass die Standardrente wie in den 50er Jahren auch 2045 noch auf der Basis von 45 Erwerbsjahren gerechnet wird. Kein Rentensystem dieser Welt kann jedoch immer mehr Rentenbezugszeit finanzieren, wenn die Lebensarbeitszeit gleich bleiben soll. Die Rente muss aus dem Einkommen finanziert werden, das während der Lebensarbeitszeit erwirtschaftet wird, sie fällt nicht wie Manna vom Himmel.

 

Was ist also zu tun? Erst einmal drängt für das Gesamtsystem gar nichts. Bis 2030 sind wir ja sicher. Man kann also gelassen nach der Bundestagswahl vernünftige Entscheidungen fällen als jetzt in Panik zu geraten. Die Lebensarbeitszeit an die Gesamtlebenszeit anzupassen, hat danach höchste Priorität. Nur dadurch entschärft man das nach 2030 entstehende Dilemma zwischen zu hohen Beiträgen und zu niedrigen Rentenzahlungen. Das Rentenalter muss atmen können, und die zusätzlichen gewonnen Jahre müssen sowohl den Erwerbstätigen als auch den Rentener zugute kommen.

 

Am besten sollte dies im Rahmen einer einfachen Regel geschehen:

Die zukünftige gewonnene Lebenserwartung sollte in regelmäßigen Abständen – etwa alle fünf Jahre im voraus - im Verhältnis 2:1 auf zusätzliche Arbeits- und zusätzliche Rentenjahre aufgeteilt wird. Dies entspricht den rund 40 Jahren, die Durchschnittserwerbstätige in die Rentenversicherung einzahlen und den 20 Jahren, während derer sie anschließend Rente erhalten. Diese transparente Automatik stärkt langfristig die Balance zwischen Einzahlungen und Auszahlungen in der Rentenkasse, so dass das Rentenniveau nie in die Nähe der Haltelinie sinken kann und langfristig sogar wieder ansteigt. Ohne eine Dynamisierung des Rentenalters sollte das Rentenniveau keinesfalls auf einem festen Wert festgeschrieben werden, weil dadurch der Nachhaltigkeitsfaktor ausgehebelt, so dass die junge Generation überproportional belastet wird.

 

Wenn kurzfristig Handlungsbedarf besteht, dann an den Stellen, wo konkret Not herrscht. Altersarmut droht nicht Millionen von Menschen, wie fälschlich behauptet wird, denn selbst wenn das Rentenniveau sinkt, wird die Kaufkraft der Renten dennoch steigen. Altersarmut muss stattdessen zielgerichtet bekämpft werden durch Maßnahmen wie den Wiedereinbezug von Langzeitarbeitslosen in die Rentenversicherung, großzügigere Erwerbsminderungsrenten für Langzeit-Erwerbsgeminderte oder den Einbezug der Soloselbständigen in die Rentenversicherung, nicht jedoch durch die wenig zielscharfe Lebensleistungsrente oder gar mit der Gießkanne, nämlich einer Festschreibung eines höheren Rentenniveaus für alle.

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