Frank-J. Weise: Arbeit ist der beste Weg zur gesellschaftlichen Integration

Zeit spielt eine entscheidende Rolle: Die Motivation von Flüchtlingen Arbeit in Deutschland zu finden ist hoch. Sie muss schnell genutzt werden bevor die Eigenverantwortung durch bloßes „Geld bekommen“ schwindet. Arbeit ist der beste Weg, Menschen schnell in die Gesellschaft zu integrieren. Ein Beitrag von Frank-J. Weise, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit.

Arbeit gibt dem Leben Struktur, bedeutet Teilhabe und soziale Integration. Arbeiten bedeutet, die mitgebrachten beruflichen und sozialen Kompetenzen der Flüchtlinge schnell zu nutzen und nicht verloren gehen zu lassen. Arbeiten bedeutet auch, die Menschen nicht erst daran zu gewöhnen, sechs Monate oder länger Geld zu bekommen, ohne Eigenverantwortung für sich zu übernehmen. Die Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz sind zugleich wichtige Integrationshelfer. Durch sie lernen die Geflüchteten, wie die Zusammenarbeit – und in der Konsequenz auch das Zusammenleben – in Deutschland funktionieren.

 

Die Erfahrungen der Bundesagentur für Arbeit (BA) aus der Integrationsarbeit und aus dem Austausch mit den europäischen Partnern belegen dabei eine Erkenntnis: Zeit ist der kritische Faktor. Die Arbeitsmotivation der Geflüchteten ist hoch und muss so schnell wie möglich genutzt werden, am besten durch die direkte Integration in die berufliche Praxis. Dann jedoch gilt es dran zu bleiben und zu qualifizieren, immer gemeinsam mit den Unternehmen in guter Partnerschaft. Auf dieser Idee basieren die Arbeitsmarktprogramme und Angebote der BA.

 

Der Schlüssel zu unserem Arbeitsmarkt ist die deutsche Sprache. Es gibt zwar einige wenige Unternehmen deren Arbeitssprache Englisch ist. Für das Gros der Unternehmen in Deutschland gilt das aber nicht. Ohne Deutschkenntnisse können Flüchtlinge kaum in kleinen oder mittleren Unternehmen arbeiten. Gerade der deutsche Mittelstand hat aber das Potential, vielen Flüchtlingen eine berufliche Perspektive zu geben. Deshalb hat der Erwerb der deutschen Sprache höchste Priorität.

 

Um Wartezeiten zu nutzen hat der Verwaltungsrat der BA im Herbst vergangenen Jahres die sogenannten Einstiegskurse auf den Weg gebracht. Das Ziel: Flüchtlingen mit guter Bleibeperspektive erste Sprachkenntnisse zu vermitteln. Die Resonanz war überwältigend und zeigt sowohl die hohe Motivation der Flüchtlinge als auch den großen Bedarf an solchen Maßnahmen. Mit bis zu 100.000 Teilnehmern bis Jahresende wurde gerechnet, tatsächlich meldeten die Bildungsträger über 220.000 Eintritte. Ein guter erster Schritt für viele Flüchtlinge, um später in den Integrationskursen und Sprachkursen des Europäischen Sozialfonds für Deutschland und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und im direkten Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen weiter Deutsch zu lernen.

 

Natürlich verfügen viele Flüchtlinge nicht über Berufsabschlüsse, die den deutschen Standards entsprechen. Diese Menschen bringen aber vielfach berufliche Erfahrungen, Kompetenzen und Fähigkeiten mit. Sie haben oft eine berufliche Vergangenheit in ihren Heimatländern. Egal ob sie als Bäcker, Maurer oder Mechaniker gearbeitet haben: Teile ihrer Berufserfahrung sind auch in Deutschland nutzbar. Die BA arbeitet daher mit Partnern wie zum Beispiel der Bertelsmann Stiftung daran, berufliche Kompetenzen auch außerhalb der formal zertifizierten Qualifikationen besser zu erfassen.

 

Klar ist: viele der Flüchtlinge sind noch nicht die Fachkräfte von heute oder morgen. Aber von übermorgen, wenn unser Auftrag gelingt. Denn das Bildungspotential der Flüchtlinge ist generell hoch. Viele von ihnen sind noch jung genug um gut Deutsch lernen zu können, hier eine Ausbildung zu machen und einen Job zu finden: über die Hälfte ist jünger als 25 Jahre, 30 Prozent sogar jünger als 18 Jahre. Diese Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren bringt langfristig Wirtschaftswachstum, die Altersstruktur des Arbeitsmarktes verjüngt sich und die Folgen des demographischen Wandels werden abgeschwächt.

 

Deshalb ist es falsch, jetzt anfallende Aufwendungen für Flüchtlinge lediglich als Kosten zu begreifen. Denn je mehr wir jetzt in diese Menschen investieren, desto höher ist der perspektivische Nutzen für Gesellschaft, Wirtschaft und Staat. Auch gründen Migranten häufiger ein eigenes Unternehmen. Sie schaffen dadurch Arbeitsplätze und erhöhen die wirtschaftliche Dynamik. Wir sollten deshalb darüber nachdenken wie wir die Existenzgründungsbereitschaft besser fördern können. So wären neben finanziellen Anreizen beispielsweise auch Mentoringprogramme durch Gründer mit Migrationshintergrund hilfreich.

 

Die Arbeitsmarktintegration der Flüchtlinge hat nicht zuletzt auch einen Sicherheitsaspekt. Denn wenn die berufliche Integration dieser Menschen misslingt, drohen Frustration und Perspektivlosigkeit. Vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen kann dadurch auch ein Nährboden für Gewalt und Radikalisierung entstehen. Somit ist die Integration in den Arbeitsmarkt auch ein Beitrag zur öffentlichen Sicherheit.

 

Die Erfahrungen aus früherer Flüchtlingsmigration zeigen, dass die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen in der Vergangenheit langsamer verlief als die anderer Migranten. Nach fünf Jahren waren 50 Prozent der unter 15- bis 64-jährigen Flüchtlinge erwerbstätig, nach 15 Jahren 70 Prozent. Im Zeitverlauf näherten sich die Erwerbsquoten der Flüchtlinge somit denen anderer Migranten an. Um diesen Prozess zu beschleunigen müssen wir nicht nur an die Verantwortung der Unternehmen appellieren und mit ihnen Partnerschaften eingehen. Wir müssen auch bei der Förderung der hier ankommenden Flüchtlinge neue Wege beschreiten: Wir müssen schneller und besser Fördern um eine schnelle Integration zu gewährleisten. Und vor allem müssen wir die zu uns kommenden Menschen als Chance begreifen. Wir müssen beweisen dass unsere Gesellschaft und unsere Soziale Marktwirtschaft im Stande sind, Menschen unterschiedlichster Herkunft aufzunehmen, zu integrieren und gestärkt daraus hervorzugehen.

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