Trend-121

Medien Wer soll das bezahlen? Mittelmäßige Journalisten sind bei der gegebenen Tarifstruktur zu teuer,weil sie vielen Lesern durch Gratisjourna- lismus ersetzbar erscheinen.Gute Jour- nalisten, die in die Tiefe gehen und de- ren Enthüllungen standhalten, sind selten und kosten ihr Geld.Wer Nach- richten verkaufen muss, weil ihre Her- stellung nicht umsonst zu haben ist, braucht Exzellenz und Qualität. Kann man aber die verschiedenen Darreichungsformen zu einer gewinn- bringenden Einheit verschmelzen? Mit- telfristig müssen die Zeitungshäuser sowohl die Zeitungsleser als auch die Nutzer elektronischer Medien bedienen. Das bedeutet Differenzierung und Fle- xibilisierung und ist nicht ohneWachs- tumsschmerzen zu haben. Keine Be- rufsgruppe und keine Branche ist davor bewahrt.DieTrägeren empfinden es als Zumutung, die Pfiffigen als Chance. So bedeutet diese Entwicklung nicht nur Aufwand, und bei sinkenden Wer- beeinnahmen und Abonnentenzahlen hat niemand mehr Geld zu verschen- ken, sie ist auch Aufwind, denn sie verlockt dazu, verstreute oder unter Wert genutzte Kräfte zu bündeln.In den Rundfunkanstalten ist der bi- und tri- mediale Reporter längst nicht mehr exotisch.Warum sollte einTermin in der Region von gleichzeitig vier Journalisten und vier Fotografen wahrgenommen werden, deren Arbeitsergebnisse sich kaum unterscheiden? Es ist klüger,ein Team auszuschicken und den anderen mehr Zeit für gründliche Recherchen zu geben.Ankommen kann jeder.Der Kön- ner zeigt sich daran,dass er sein Ziel mit genau dosiertem Aufwand und punkt- genau erreicht. Das bringt… nicht nur Beifall Die Widerstände gegen das Selbstver- ständliche sind enorm. Wer an einem Modell arbeitet, das Kosten spart und die Qualität verbessert,ist nicht beliebt. Erst der Erfolg gibt recht: mehr au- thentische und exklusive Geschichten, die deshalb auch zitiert werden. Mehr Eigenleistung als abgeschriebene Agen- turberichte. Intensivere Auswertung ungehobener Schätze, etwa die Inhal- te der eigenen Fachzeitschriften für die eigene Tagespresse. Wer die Welt verbessern will,muss keinen Augenblick zögern.Medienhäuser,die ihre typische Handbewegung liturgisch kultivieren, weil sie in vorauseilender Melancholie erst einmal abwarten wollen, für wel- cheTechnologien sich welche Gruppen demnächst entscheiden werden,kom- men immer zu spät. Sie finden nur Probleme.Die anderen findenWege.Ob diese bezahlbar sind,ist nicht nur eine Frage an die Strategen der Medien- häuser, auch nicht nur an den einzelnen Leser, der nicht schon beim Frühstück belogen sein will.Es ist eine Frage an die offene und… demokratische Bürgergesellschaft, in der wir leben wollen.Sie kann nur so lange funktionieren, wie der Einzelne ein möglichst authentisches Bild von derWelt bekommt,um als interessier- terWähler ein begründetes Kreuzchen zu machen; besser noch: um schon in den vier Jahren vorher aktiv an der Gestaltung der öffentlichen Dinge mit- zuwirken. Die Medien sind nicht nur Zu- tat, Bonus,den sich der Gebildete spie- lerisch leistet. Sie sind das Fenster zur Welt und damit konstitutiv für sein Welt-Bild.Primärerfahrungen sind nur noch ein kleiner (wenngleich wichtiger) Faktor.Der größere geschieht sekundär über die Medien. Kritischer, investiga- tiver Journalismus ist unverzichtbar. Wer in der Morgenzeitung oder in der Tagesschau vom täglichen Korrupti- onsskandal erfährt,darf sich auch zwi- schen denWahlterminen als Souverän seines Staates empfinden. Kein Politi- ker wird durch Gesetze,Staatsanwälte und Strafandrohungen so diszipliniert wie durch die Angst vor der Öffent- lichkeit. Der kategorische Imperativ der Mediengesellschaft frei nach Kant lautet:Was ist,wenn es herauskommt? Vielleicht ist das ein ethisch mickriges Verhalten,es ist aber ein Lebensmittel der Demokratie. Wir haben in Deutschland ein be- sonderes Problem.Wir reden immer nur vom„Fortschritt“ im Singular.Wir soll- ten wieder von „Fortschritten“ reden. Den „Fortschritt“ kann man sich ideo- logisch wunderbar um die Ohren schla- gen, aber er kommt nie,denn er ist das, was man sich als Zukunft erwartet, und diese – das ist ihre Natur – schiebt sich immer weiter hinaus. Aber „Fort- schritte“, da gibt es Chancen, täglich, kleine, große. – Schau’n wir mal!

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