Soziale Nachhaltigkeit von Unternehmen gefordert

Behinderte Menschen brauchen den Mittelstand, der seinerseits in mehrfacher Hinsicht von der Integration behinderter und psychisch kranker Menschen profitieren kann.
Wolfgang Pütz ist Vorstandsvorsitzender des Bonner Vereins für gemeindenahe Psychiatrie e.V. und Geschäftsführer der  GVP Gemeinnützige Werkstätten Bonn GmbH, einer Werkstatt für 340 chronisch psychisch kranke Menschen.

Wolfgang Pütz ist Vorstandsvorsitzender des Bonner Vereins für gemeindenahe Psychiatrie e.V. und Geschäftsführer der GVP Gemeinnützige Werkstätten Bonn GmbH, einer Werkstatt für 340 chronisch psychisch kranke Menschen.

Mindestens fünf Millionen Deutsche leiden jährlich an einer schweren psychischen Krankheit und sind dringend behandlungsbedürftig. Diese Aussage stammt von der Bundespsychotherapeutenkammer und zeigt, dass psychische Erkrankungen keine Randerscheinung mehr sind, sondern die Mitte unserer Gesellschaft erreicht haben. Die Integration behinderter oder psychisch kranker Menschen in das Arbeitsleben ist für die Betroffenen oft das wirkungsvollste Instrument einer erfolgreichen Rehabilitation. Der Gesetzgeber fördert diese Integration auf unterschiedlichste Weise und bietet Unternehmen die Möglichkeit, risikofrei gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. So profitieren beispielsweise von der Bereitstellung betriebsintegrierter Arbeitsplätze neben den erkrankten Menschen schon heute viele Unternehmen in Deutschland, vom kleinen Betrieb in der Region bis zum weltweit tätigen Großkonzern. Sie verbinden auf diese Weise die Übernahme sozialer Verantwortung in ihrem Unternehmensumfeld mit wirtschaftlichen Vorteilen.

Kritik an ausufernden Sozialausgaben greift zu kurz – Unterstützung psychisch kranker und behinderter Menschen gefragt wie nie zuvor

Der Präsident des Wirtschaftsrates der Bundesrepublik Deutschland, Prof. Dr. Kurt J. Lauk, kritisiert anlässlich der aktuellen Haushaltssituation zu Recht, dass die Ausgaben des Bundes für Soziales und Zinsen höher liegen als die Einnahmen aus Lohn-, Einkommens-, und Mehrwertsteuer zusammen. In der Debatte zu diesem Thema werden häufig „erschlichene“ Hartz-IV Leistungen als Ursache ausgemacht. Die notwendigen und weiter steigenden Ausgaben zur Förderung und Integration psychisch kranker und behinderter Menschen, die unverschuldet in eine Notsituation geraten sind, stellen jedoch die eigentlich Herausforderung für einen Schulterschluss von Wirtschaft und Politik dar. Kardinal Lehmann kommentierte die sozialen Entwicklungen der vergangenen Jahre mit den Worten: „Wenn sich nichts ändert, wenn alles so bleibt, wie es ist, werden die Schwachen die Leidtragenden sein, weil sie in besonderer Weise auf die Absicherung eines funktionierenden Sozialstaates angewiesen sind.“ Die Rahmenbedingungen zur Verbesserung der Situation behinderter oder psychisch kranker Menschen werden vom Gesetzgeber vorgegeben. Wie diese ausgestaltet und genutzt werden, ist allerdings eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der sich vor dem Hintergrund einer steigenden Zahl von Betroffenen in einem krisengebeutelten Wirtschaftsumfeld neben der Politik auch Deutschlands Unternehmen stellen müssen.

Verantwortung übernehmen und das Unternehmerbild wandeln

Gierige Banker, Massenentlassungen, Firmenpleiten – in der Wirtschaftskrise hat das Vertrauen der Menschen in eine funktionierende, sich selbst regulierende Marktwirtschaft erheblich gelitten. Dem daraus resultierenden Generalverdacht sehen sich leider auch die mehr als 2,8 Millionen kleineren, familiengeführten Betriebe mit weniger als 20 Mitarbeitern ausgesetzt. Unter diese Definition fallen 80 Prozent aller deutschen Unternehmen. Insbesondere die Verantwortlichen dieser Betriebe prägen durch enge persönliche Bindungen und ein hohes Maß an Respekt gegenüber Mitarbeitern und Unternehmensumfeld das Bild vom verantwortungsvollen Unternehmer. Obwohl das Wahrnehmen von Corporate Social Responsibility (CSR), sprich Unternehmensverantwortung, für diese Unternehmer seit jeher selbstverständlich ist, haben es viele schwer, sich in der aktuellen Situation dementsprechend zu positionieren.

8.000 Palettenstellplätze der GVP Bonn als Voraussetzung für professionelle Versand- und Konfektionierungsdienstleistungen

8.000 Palettenstellplätze der GVP Bonn als Voraussetzung für professionelle Versand- und Konfektionierungsdienstleistungen

Angefangen bei der ausschließlichen Nutzung regenerativer Energien bis hin zum Sponsoring des regionalen Sportvereins hat CSR in den Unternehmen vor Ort unzählige Gesichter. Neben „grünen“ Maßnahmen unterstützen Unternehmer vor allem Aktivitäten im sozialen Umfeld ihres Betriebs. Dennoch werden die bereits existierenden Instrumente zur Integration behinderter und psychisch kranker Menschen in das Arbeitsleben noch zu selten genutzt. Und das obwohl die Umsetzung der vielfach erprobten Maßnahmen zu einer Win-win-Situation für Unternehmer, Mitarbeiter und nicht zuletzt die Staatskasse führt.

Arbeit als Brücke in die Normalität

Zur besseren Integration behinderter und psychisch kranker Menschen und damit zur Entlastung der Sozialhaushalte leistet der Gesetzgeber durch Eingliederungszuschüsse, begleitende Hilfen im Arbeitsleben und Unterstützungsleistungen der Integrationsfachdienste einen unverzichtbaren Beitrag. Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) sind ein weiterer wichtiger Baustein für die Teilhabe am Arbeitsleben und bieten körperlich, geistig und seelisch behinderten Menschen geschützte Arbeitsplätze. Insbesondere die Zahl der Menschen, die an seelischen Erkrankungen oder Behinderungen leiden, wächst Jahr für Jahr. Auch im Arbeitsleben liegen mögliche Faktoren für eine zunehmende seelische Belastung eines Menschen, die dann mitunter zum Verlust des seelischen Gleichgewichtes über eine psychische Krise bis hin zu einer behandlungsbedürftigen Krankheit führen können. Als mögliche Auslöser nannten Arbeitsschutzexperten in einer Befragung der Initiative für Gesundheit und Arbeit bereits im Jahr 2004 „Zeitdruck“, „schlechtes Führungsverhalten“ und „Arbeitsplatzunsicherheit“.

Risikofrei für Unternehmer: Betriebsintegrierte Arbeitsplätze

In diesem Kontext stehen vor allem betriebsintegrierte Arbeitsplätze als übergangsfördernde Maßnahme. Sie stellen ein Angebot der Werkstätten dar und ermöglichen, dass Werkstattteilnehmer auf einem ausgelagerten Arbeitsplatz in einem Betrieb des allgemeinen Arbeitsmarktes unter Beibehaltung des WfbM-Rechtsstatus und in Verantwortung der Werkstatt tätig werden können. Unternehmen, die solche betriebsintegrierten Arbeitsplätze zur Verfügung stellen, können dies tun, ohne arbeits- oder kündigungsschutzrechtliche Risiken befürchten zu müssen. Ziel dieser Maßnahme ist im Ideal-fall die Übernahme und somit die Vermittlung in ein reguläres Arbeitsverhältnis. Betriebsintegrierte Arbeitsplätze werden von Unternehmen je nach Betriebsgröße und -ausrichtung für einzelne Teilnehmer oder ganze Gruppen angeboten. Der Werkstattträger fungiert dabei vor Ort als Vermittler und berät das kooperierende Unternehmen im Umgang mit dem Beschäftigten. Die Höhe des Arbeitsentgeltes orientiert sich an den jeweiligen leistungsabhängigen Lohnbemessungssystemen der Werkstätten.
Durch die kontinuierlichen Arbeitseinsätze außerhalb der Werkstatt werden insbesondere Selbstständigkeit, Leistungsfähigkeit und Selbstwertgefühl der Mitarbeiter gefördert. Eine Beschäftigung im Rahmen eines betriebsintegrierten Arbeitsplatzes ist somit für einen psychisch kranken oder behinderten Menschen die mit Abstand beste Vorbereitung im Hinblick auf den Übergang in ein normales Arbeitsverhältnis.

Beschäftigung von behinderten Menschen im Hochregallager der GVP Gemeinnützige Werkstätten Bonn GmbH

Beschäftigung von behinderten Menschen im Hochregallager der GVP Gemeinnützige Werkstätten Bonn GmbH

Dass dieser Integrationsansatz funktioniert, beweist die Würth Group mit Sitz im baden-württembergischen Künzelsau in der gesamten Unternehmensgruppe. Darüber hinaus gründete Carmen Würth das Hotel „Anne-Sophie“ als Stätte der Kommunikation und Begegnung von Menschen mit und ohne Handicap. Ziel ist seit der Eröffnung des Betriebs im Jahr 2003, Menschen mit Behinderung in die Arbeitsabläufe eines Gastronomieunternehmens einzulernen. Neben der fachlichen wird dabei in Zusammenarbeit mit der „Beschützenden Werkstätte“ vor Ort auch die pädagogische Betreuung gewährleistet. Dadurch sollen die Kollegen mit Handicap langfristig befähigt werden, eine Stelle auf dem freien Arbeitsmarkt antreten zu können. Aktuell besteht das Team aus 42 Mitarbeitern. 19 Personen haben ein Handicap, zehn davon sind über die „Beschützende Werkstätte“ integriert.

„Wirtschaftlicher Erfolg und soziales Engagement – das geht zusammen!“

Eine weitere, darüber hinaus gehende Initiative der Wirtschaft ist in der Gründung von Integrationsunternehmen zu sehen. Diese sind per Defini­tion rechtlich selbstständige Unternehmen, die zwischen 25 und im Regelfall 50 Prozent schwerbehinderte Menschen dauerhaft in sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen beschäftigen. Das Spektrum der Branchen, in denen Integrationsunternehmen tätig sind, reicht marktweit von sozialen Dienstleistungen über Industrie, Handel, Handwerk, Hotel- und Gaststättengewerbe bis hin zu Multimedia- und IT-Firmen. Auch hier kann ein Zusammenwirken von Wirtschaft und Politik helfen, Einstiegsschwierigkeiten zu überbrücken. So fördert das Landesprogramm „Integration Unternehmen!“ in Nordrhein-Westfalen gezielt die Schaffung neuer Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen in Integrationsunternehmen. Um es mit den Worten des Ministers für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW, Karl-Josef Laumann, zu sagen: „Die schwerbehinderten Menschen in Integrationsunternehmen stellen unter Beweis, dass sie hochmotiviert, leistungsfähig und sehr zuverlässig sind. Unsere Botschaft lautet: Wirtschaftlicher Erfolg und soziales Engagement – das geht zusammen!“

Das Land Nordrhein-Westfalen stellt für dieses Projekt zehn Millionen Euro Investitionsförderung sowie Investitionshilfen im gleichen Umfang und zusätzliche Fördermittel aus der Ausgleichsabgabe zur Verfügung.

Von kleinen und großen Social Entrepreneurs

Von dieser Landesförderung profitierte unter anderem die Firma Troservice GmbH & Co. KG, die 1992 als Familienunternehmen im rheinischen Troisdorf gegründet wurde und mit 100 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten im Bereich Betriebsgastronomie und Schulverpflegung tätig ist. Troservice gründete im Sommer 2009 insgesamt sieben Integrationsabteilungen, darunter Schulmensen und eine Zentralküche. Dort arbeiten insgesamt 21 Beschäftigte, davon 14 Menschen mit Handicap. „Die Integrationsbetriebe erzeugen für uns eine positive Außenwirkung. Unsere Kunden – vor allem öffentliche Institutionen – berücksichtigen das soziale Engagement auch bei der Auftragsvergabe. Für unser Unternehmen ist das ein klarer Wettbewerbsvorteil!“, so der Geschäftsführer der Troservice GmbH & Co. KG, Manfred Kohnen.

Behinderte Menschen als Dienstleister für große Namen

Behinderte Menschen als Dienstleister für große Namen

Im Rahmen der gesellschaftlichen Verantwortung der Wirtschaft kommt den Sozialunternehmern (Social Entrepreneurs), die im Kern am gesellschaftlichen Mehrwert orientierte Ideen als selbstfinanzierende Geschäftsideen umsetzen, in der Öffentlichkeit eine wachsende Bedeutung zu. Social Entrepreneurs treten den üblichen Vorurteilen bezüglich der Motivation profitorientierter Unternehmen durch die Ausrichtung ihres Geschäftsmodells entschieden entgegen. In diesem Zusammenhang gibt es bereits eine Reihe von Unternehmern, die ein großes Engagement für die Beschäftigung psychisch kranker und behinderter Menschen zeigen. Als ein herausragendes von vielen Beispielen ist der in Düsseldorf beheimatete Metro-Konzern zu nennen. Die DAX-notierte Unternehmensgruppe engagiert sich seit Jahren für die berufliche Integration behinderter Menschen. Insgesamt beschäftigt die Metro in Deutschland rund 120.000 Mitarbeiter, von denen 4.350 schwerbehindert oder gleichgestellt sind. 47 behinderte Jugendliche standen im vergangenen Jahr in einem Ausbildungsverhältnis mit der Metro-Gruppe.

Über die GVP Gemeinnützigen Werkstätten Bonn GmbH:

Als einer der führenden Anbieter von Versand-, Konfektionierungs- und Montagearbeiten in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis erfüllt die GVP den Auftrag, psychisch kranke Menschen in das Arbeitsleben einzugliedern. Mit 8.000 Palettenstellplätzen, 2 Millionen Aussendungen pro Jahr, modernem Adressmanagement und individuellen Lösungen für Konfektionierung und Montage zählt das gemeinnützige Unternehmen eine Vielzahl mittelständischer Unternehmen, Bundesministerien bis hin zur bayrischen Staatsregierung zu seinem Kundenkreis. Derzeit beschäftigt die GVP mehr als 340 psychisch kranke Menschen aus der Region.