Ihre Sache, das ist die Freiheit

Judith-Maria Gillies, Journalistin, Köln
Vermutlich hat Ulrike Ackermann schon auf die Frage nach ihrem Namensvetter gewartet, als sie da draußen auf dem Campus der privaten SRH Hochschule in Heidelberg steht. Rechts von ihr ein mächtiger Gebäudeturm aus Glas und blauer Farbe, links auf einem Grünstreifen eine dieser albernen Kuhskulpturen in Originalgröße. Nein, verwandt oder verschwägert sei sie nicht mit dem Deutsche-Bank-Chef. „Bisher haben wir nur Mails hin- und hergeschickt“, sagt sie mit rauchiger Stimme. Die zierliche Frau mit den knallrot geschminkten Lippen, ihrem Markenzeichen, fingert aus einem silbernen Etui eine Zigarette. Um Namensforschung geht es ihr nicht bei Josef Ackermann. Sie würde ihn gern als Mitstreiter für ihre Sache gewinnen.
Ihre Sache – das ist die Freiheit. Ulrike Ackermann ist die einzige Professorin hier zu Lande, die einen Lehrstuhl für Freiheitsforschung und Freiheitslehre innehat. Seit September 2008 hat die Sozialwissenschaftlerin die neu geschaffene Professur hier an der SRH inne. Parallel gründete sie das John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung, benannt nach dem liberalen Philosophen und Ökonomen des 19. Jahrhunderts. „Freiheit ist das kostbarste Gut der westlichen Zivilisation und ihr wichtigster Motor“ steht auf der Homepage des Instituts. Auch im Gespräch unterstreicht Ackermann den hohen Anspruch des Instituts. Ziel sei es, das Bewusstsein für Freiheit zu verbreiten. In einem Studium generale sollen die Studenten lernen, ihr Fachwissen in größere Zusammenhänge einzuordnen und über den Tellerrand hinauszublicken. Zudem will die Professorin „breite gesellschaftliche Debatten über den Zustand der Freiheit und die Gefahren der Unfreiheit anregen“.
Freiheit – ein schwer erkämpftes Gut
Glaubt man Ackermann, ist das gerade heutzutage nötig. „Freiheit“, sagt sie, „ist kein statischer Zustand“, sondern „ein schwer erkämpftes Gut, das nicht vom Himmel gefallen ist“. Auf keinen Fall dürfe man sich darauf ausruhen, sie einmal erkämpft zu haben. Doch genau da sieht Ackermann die Gefahr. „Unsere wirtschaftliche Elite hier zu Lande ist zum Teil nicht in der Lage, die Marktwirtschaft zu verteidigen“, sagt sie. „Das ist ein Unding.“
Daher also die Mails an ihren Namensvetter. Doch nicht nur die. Die Professorin pflegt Kontakte zu diversen Unternehmen und leiert Kooperationen mit Wirtschaftsverbänden an. Die Wirtschaft an ihrer Seite zu haben, ist Ackermann wichtig, auch als Geldgeber. „Wenn wir ein Sportverein oder ein Museum wären, wäre es vermutlich einfacher, Sponsoren zu gewinnen“, sagt sie, neigt den Kopf ein wenig und lä-chelt. Die roten Ohrhänger flattern hin und her.
Ackermann sitzt im nüchternen Besprechungsraum der Hochschule. In ihrem Büro nebenan ist es zu eng für Besucher. Die zwei Schreibtische sind bereits von ihren beiden Mitarbeitern belegt. „Alles ist im Aufbau“ sagt sie entschuldigend und munter zugleich. Eine große Portion Aufbruchstimmung schwingt in ihrer Stimme. Derzeit sucht sie für das Institut neue Räume, vielleicht eine schöne Jugendstilvilla. Im Moment muss sie sich mit den gesichtslosen Räumen der Hochschule zufriedengeben. Immerhin hängen zwei Plakate von John Stuart Mill an der Wand ihres Büros. An der Glasfront zum Gang kleben neben der Zimmernummer „arc 220“ vier Plakate als Vorlesungsankündigungen. „Entstehungs-geschichte der Freiheit in Europa“ steht auf einem, „Revolution und Freiheit“ auf einem anderen. Als Institutslogo prangt auf allen Postern das internationale Symbol für Freiheit: das berühmte Bild aus den Geschichtsbüchern, auf dem die französische Marianne mit entblößten Brüsten die Trikolore schwenkt.
Leicht hat es die Freiheit in Deutschland nicht. Hier zieht die Mehrheit der Bürger in Umfragen Gleichheit und Sicherheit der Freiheit vor. „Aus Angst vor der Freiheit“, ist Ackermann überzeugt. „Wer Freiheit scheut, wird die Vollversorgung von der Wiege bis zur Bahre einem selbstbestimmten Leben vorziehen“, sagt sie.
Die Freiheitsskepsis rühre aus Zeiten von Bismarcks Sozialgesetzgebung. „Der Staat erkaufte sich Treue und Stillhalten seiner Untertanen. Umverteilung wurde zur Normalität, und der Wohlfahrtsstaat grub sich in die deutsche Mentalität ein.“ Sie fordert eine ernsthafte gesellschaftliche Debatte über den Sozialstaat. Die Betonung legt sie auf „ernsthaft“.
Für die Freiheit Risiken eingehen
Kein Zweifel. Ackermann steht klar in der Tradition des Ordoliberalismus. Immer wieder betont sie die Freiheit der Bürger, die – im Sinne Mills – „ihr Leben zu Lebensexperimenten nutzen“. Immer wieder bekräftigt sie ihre Skepsis vor einem Staat, der seine Bürger kontrollieren will und „für den es leichter ist, ein Volk in der Hand zu haben, das brav ist und nicht eines, das eigenwillig aus der Reihe tanzt“.
Als Freiheitsforscherin scheint sie die Idealbesetzung zu sein. Geboren in Mainz, aufgewachsen in Frankfurt, wird sie vom Gründergeist ihrer Familie maßgeblich geprägt. Die Großeltern mussten aus Ostpreußen fliehen und bauten in Bayern mit nichts ein neues Leben auf. Bei ihnen hat sie schon in frühster Kindheit erfahren, „was man aus eigener Kraft mit harter Arbeit erreichen kann, wenn einem niemand Vorschriften macht und wenn einem niemand reinredet“. Zu Zeiten des Kalten Krieges arbeitet sie mit der Charta 77, der Solidarnosc und anderen Bürgerrechtsbewegungen Ost- und Mitteleuropas zusammen. Beim Schmuggeln von Schriften und Manuskripten über die tschechoslowakische Grenze wird sie festgenommen und erst nach vier Wochen Gefängnisaufenthalt freigekauft. „Mir war damals schon klar, dass man für die Freiheit Risiken eingehen muss“, sagt sie lapidar.
Ihr Engagement für die Freiheit setzt sie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs fort. Als verantwortliche Redakteurin der Intellektuellenzeitschrift Frankfurter Hefte/Neue Gesellschaft beschäftigt sie sich mit den Demokratisierungsprozessen der früheren Ostblockstaaten. Von 1995 bis 1998 betreut sie am Hamburger Institut für Sozialforschung das Projekt „Projektionsfläche Bosnien“. Anschließend gründet und leitet sie das Europäische Forum an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und veröffentlicht mehrere Bücher zum Thema Freiheit, darunter „Eros der Freiheit“ (2008) und „Freiheit in der Krise?“ (2009).
2009 lädt ihr Institut zum Hambacher Freiheitskongress mit dem Thema „Hat unser Erfolgsmodell von Demokratie und Kapitalismus ausgedient?“. Zur Zeit bereitet sie den diesjährigen Institutskongress vor. Titel der Veranstaltung: „Erfahrungen der Freiheit und Unfreiheit. 60 Jahre Kongreß für Kulturelle Freiheit“. Ein Flyer der Veranstaltung liegt auf dem kleinen Abstelltisch ihres Büros.
Freiheit und Abenteuer
Ein Stockwerk höher im blau-gläsernen Gebäudeturm finden viele ihrer Vorlesungen statt. Der Seminarraum heißt „Friedrich August von Hayek“. Das passt. Der Nationalökonom gehörte zu den wichtigsten Vertretern des Liberalismus im 20. Jahrhundert. Eine ihrer Vorlesungen: „Neue Medien und ihre Folgen für Privatsphäre und Öffentlichkeit“. Darin beleuchtet die Professorin die Auswirkungen von Facebook, StudiVZ & Co auf die Freiheit und warnt vor neuen Formen der Vergemeinschaftung in sozialen Netzwerken. Es gehe nicht darum, dass der Staat eingreifen muss, sagt sie. Es gehe darum, dass jeder Bürger digitale Selbstbestimmung lernen muss. „Die Beschränkung liegt in der Selbstbeschränkung.“ Privatsphäre sei der Hort der individuellen Freiheit.
Ackermann selbst hütet ihre Privatsphäre wie einen Schatz. In sozialen Netzwerken sei sie „ganz bewusst nicht“. Auch im Gespräch zögert sie schon bei der Frage nach ihrem Alter. Später gestattet sie immer mehr Einblicke in ihr Privatleben, verrät ihren Geburtsjahrgang (1957), ihren Familienstand (Single), sogar ihre Lieblingslippenstiftmarke (Yves Saint Laurent). Sie erwähnt Klavierstunden und Kinoabende (Truffaut bis Coppola), erzählt von ihrer Musikbibliothek (Chopin bis Keith Jarrett) und schwärmt vom Kochen – speziell von ihrer Großmutter, „der Königin der Soßen“.
Ach ja. Ganz zum Schluss gesteht Ackermann noch etwas: ihre Leidenschaft für Western. Freiheit und Abenteuer ganz nach ihrem Geschmack. Sogar eine Vorlesung hat sie nach einem Western benannt: „Die Entstehung des Rechtsstaats oder ,Der Mann, der Liberty Valance erschoss’„.
Ulrike Ackermann ist Deutschlands einzige Professorin für Freiheitsforschung und Freiheitslehre. Bereits zu Zeiten des Kalten Krieges arbeitete sie mit der Charta 77, der Solidarnosc und anderen Bürgerrechtsbewegungen in Ost- und Mitteleuropa zusammen und saß wegen Spionage in einem Prager Gefängnis. Heute hat die promovierte Sozialwissenschaftlerin, wie sie sagt, ihre „Leidenschaft für die Freiheit professionalisiert“. Als Direktorin des John Stuart Mill Instituts an der SRH Hochschule in Heidelberg will sie Wirtschaft und Gesellschaft für das Gut der Freiheit sensibilisieren.
Buchtipp
Freiheit in der Krise.
Der Wert der wirtschaftlichen, politischen und infividuellen Freiheit.
164 Seiten
Buchausgabe: 19,80 Euro, E-Book (PDF): 9,80 Euro
ISBN: 978-3-934157-98-9, Frankfurt am Main 2009
Verlag Humanities Online
Eros der Freiheit.
Plädoyer für eine radikale Aufklärung.
180 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ca. 19,90 Euro
ISBN: 978-3-608-94305-4
Erscheinungstermin:
29.09. 2008
Welche Freiheit.
Plädoyers für eine offene Gesellschaft.
320 Seiten, Broschur
22,80 Euro
ISBN 978-3-88221-885-5
Sündenfall der Intellektuellen – Ein deutsch-französischer Streit von 1945 bis heute
Mit einem Vorwort von Francois Bondy
geb. mit Schutzumschlag, zahlr. Abb. Euro (D) 20,00 sFr 34,80, 267 Seiten,
ISBN: 3-608-94278-5