Nachgefragt: Die co.don AG

Gelenkknorpel aus dem Labor

Peter Hahne Journalist, Berlin

Peter Hahne Journalist, BerlinGelenkknorpel aus dem Labor

Die Biotechnologie ist gut durch die Krise gekommen. Im vergangenen Jahr beschäftigte die Branche in Deutschland erstmals mehr als 30.000 Menschen, wie das Internetportal „Biotechnologie.de“ berichtet. Laut einer aktuellen Firmenumfrage im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) ist der Umsatz der Unternehmen selbst auf dem Höhepunkt der Krise nicht zurückgegangen. Deutsche Biotechunternehmen setzten 2009 insgesamt gut zwei Milliarden Euro um, die Höhe der Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (F&E) hielt sich stabil bei rund einer Milliarde Euro. Hinter den Vereinigten Staaten und Großbritannien nimmt Deutschland damit weltweit den dritten Rang in der Biotechnologie ein.

Eines der bemerkenswertesten Unternehmen aus Deutschland im Bereich der medizinisch-pharmazeutischen Biotechnologie ist die co.don AG aus Teltow bei Berlin. Seit 1997 ist das Unternehmen auf regenerative Medizin spezialisiert, das so genannte „Tissue Engineering“. Darunter versteht man die Züchtung von natürlichem Gewebe unter Laborbedingungen („in vitro“).

Zum Einsatz kommt die biologische Therapie bei der Behandlung von Knorpelschäden am Knie, an Hüft-, Sprung-, Ellenbogen- und Schultergelenken, zudem bei Bandscheibenproblemen. Seit rund zwei Jahren übernehmen die Krankenkassen hierfür auch die Kosten. Bei der „autologen“ Zelltransplantation (Spender und Empfänger sind die selbe Person) werden Patienten an einer unbelasteten Stelle des geschädigten Gelenks mehrere reiskorngroße Gewebestücke entnommen.

Gelenkknorpel  aus dem Labor

Der rund halbstündige Eingriff kann arthroskopisch, also minimalinvasiv unter örtlicher Betäubung erfolgen. Gesunde Zellen werden sodann isoliert und mithilfe patienteneigenen Blutserums binnen einiger Wochen im hoch sterilen Labor zu einem dreidimensionalen Knorpelzelltransplantat kultiviert. Dieses biologische Arzneimittel wird schließlich bei einem zweiten operativen Eingriff wieder ins Gelenk eingesetzt. Auch dieser Eingriff kann minimalinvasiv bzw. arthroskopisch erfolgen, was für den Patienten den Vorteil kleinerer Wundmale und schnellerer Genesung mit sich bringt. Die transplantierten Zellen bilden neues hyalines Knorpelgewebe, das sich mit dem noch vorhandenen gesunden Knorpel verbindet. Ganz ähnlich verläuft das Verfahren bei einem Bandscheibeneingriff.

Der Vorteil des biologischen Therapiekonzepts: Das Immunsystem des Körpers reagiert anders als bei körperfremden Transplantaten nicht mit Abstoßreaktionen. Das Teltower Unternehmen stellt seine biologischen Arzneimittel ohne Fremdmaterialien, ohne Antibiotika, Wachstumsfaktoren und ohne gentechnische Eingriffe her. Sie sind deshalb sehr risikoarm für den menschlichen Organismus. Mit den Verfahren der co.don AG wurden in den vergangenen 13 Jahren rund 3.000 Menschen erfolgreich therapiert.

Im letzten Jahr erwirtschaftete die co.don AG mit rund 30 Mitarbeitern einen Umsatz von gut 1,7 Millionen Euro. In den vergangenen Jahren legten die Umsätze zu, im ersten Quartal dieses Jahres steht ein Plus von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal in den Büchern. Das Unternehmen entwickelt, produziert – und verkauft seine Produkte in Deutschland mit Hilfe eines Vertriebspartners. Das Konzept der regionalen Vertriebspartnerschaften ist ebenfalls in europäischen Ländern wie Italien, Spanien, Griechenland, Belgien, Österreich und der Schweiz erfolgreich, ein Ausbau wird angestrebt. Auf dem deutschen Mark ist die co.don AG eines der führenden Unternehmen für Knorpelzelltransplantate.

Dr. Andreas Baltrusch leitet das Unternehmen seit Oktober 2009 als Vorstandschef. Mit ihm sprach Peter Hahne.

Dr. Andreas Baltrusch Vorstandschef der co.don AG

Dr. Andreas Baltrusch, Vorstandschef der co.don AG

Trend-Gespräch mit Dr. Andreas Baltrusch, Vorstandschef der co.don AG

Herr Dr. Baltrusch, Sie beschäftigen sich mit „Tissue Engineering“. Um was geht es dabei?

Gewebezüchtung. Wir entwickeln autologe, also körpereigene Knorpelzelltransplantate, vorrangig zur Behandlung von Schäden am Kniegelenk und in der Bandscheibe. Indikationen an Sprung-, Ellbogen- und Hüftgelenk spielen zunehmend eine wichtige Rolle. Durch die verbesserte minimalinvasive Applikation können nun auch diese behandelt werden.

Welche Schäden werden behandelt?

Ein gesunder Knorpel funktioniert als Stoßdämpfer und mildert die Druckbelastung. Im Laufe des Lebens nutzen sich Knorpel indes ab – oder wird durch einen Unfall oder eine Fehlbelastung beschädigt. Er kann sich nicht von allein regenerieren. Hier setzen wir mit unserem biologischen Behandlungskonzept an.

Wie funktioniert das konkret?

Der Arzt, ein operierender Orthopäde im Krankenhaus, entnimmt einem Patienten eine Zellprobe an einer unbelasteten Stelle am Gelenk. Zusätzlich entnimmt er Blut. Die Knorpelzellen und das Blut werden dann auf schnellstem Wege zu uns ins Labor geschickt. Dort werden die Zellen unter hochsterilen Bedingungen isoliert und vermehrt, also gezüchtet.

Und dann?

Nach rund vier bis acht Wochen haben wir hinreichend Zellen gezüchtet, die dann vom Arzt in den beschädigten Knorpel eingebracht werden. Dieses eingebrachte dreidimensionale Knorpelzelltransplantat verbindet sich dann mit dem vorhandenen gesunden Knorpelgewebe. So entsteht auf natürliche Weise neues Knorpelgewebe, welches die schmerzfreie Funktionsfähigkeit des Gelenks wieder ermöglicht.

Welchen Vorteil haben die körpereigenen Ersatzteile?

Ganz einfach: Der Körper verträgt sie besser. Abstoßreaktionen oder Autoimmunreaktionen sind nicht bekannt. Der natürliche Knorpelersatz reicht mit Blick auf die Widerstandsfähigkeit und die biomechanischen Eigenschaften an die Qualität des natürlichen Knorpelgewebes heran. Das ist der Vorteil.

Birgt Ihre Methode auch besondere Risiken?

Es gibt normale OP-Risiken wie bei jeder Operation. Allerdings ist co.don in der Lage, einen minimalinvasiven Eingriff sicherzustellen. Und der ist weniger belastend. Die Narben sind kleiner, die Liegezeiten kürzer, der Einstieg ins Berufsleben gelingt schneller.

Die Krankenkassen übernehmen die Kosten?

Ja, seit gut zwei Jahren. Entnahme und Einsetzen des Gewebes werden bezahlt, für das Transplantat ist ein so genanntes Zusatzentgelt zwischen der Krankenkasse und dem behandelnden Klinikum zu vereinbaren. Wirtschaftlich war dies ein Meilenstein für unser Unternehmen, wenngleich die bürokratischen Anforderungen zur Genehmigung der Anwendung und die Verhandlungen für ein solches Zusatzentgelt immer noch sehr umfassend und zeitintensiv sind.

Welches sind Ihre wichtigsten Märkte?

An erster Stelle steht Deutschland. Es folgen aus momentaner Sicht Italien und Griechenland.

Wie schätzen Sie das Marktpotenzial für Ihre Produkte ein?

Sehr hoch. Für Deutschland und das übrige Europa setzen wir 10.000 potenzielle Patienten pro Jahr an. Mit steigender Tendenz. Die Menschen werden älter – und biologische Therapiekonzepte gewinnen zunehmenden Zuspruch bei Ärzten, Krankenkassen und Patienten. Wir rechnen deshalb mit einem substanziellen Wachstumspotenzial für die kommenden Jahre.

Planen sie die Erschließung neuer Märkte?

Durchaus. An der Türkei zum Beispiel sind wir sehr interessiert. Aber auch hier steht vor dem Markteintritt ein bürokratisches Prozedere, welches wir gemeinsam mit unserem potentiellen türkischen Vertriebspartner durchlaufen müssen, ehe die erste Anwendung erfolgen kann. Wir haben uns auch mit weiter entfernten Märkten befasst. Logistisch wäre das kein Problem, aber hier bestehen für Medizinunternehmen zahlreiche administrative Hürden. Unsere Expansionsstrategie sieht so aus: Zuerst Deutschland, dann zusätzliche europäische Länder, dann neue Länder außerhalb der EU. Sie dürfen sich als kleines Unternehmen nicht verzetteln.

Gelenkknorpel  aus dem Labor
Sie haben seit 1997 rund 30 Millionen Euro investiert, machen aber noch keine Gewinne. Wann ist es soweit?

Wir rechnen für 2011 mit einem positiven Ergebnis. Forschung, Produktentwicklung und der Ausbau eines Vertriebsnetzes verschlingen in einem Biotechunternehmen bekanntlich hohe Summen. Zusätzlich erschwert wird kleinen und innovativen Unternehmen das Erreichen der Gewinnschwelle aber auch durch administrative Regelungen. Wie etwa durch die Einführung der europäischen Richtlinien für ATMP. Wir haben für unsere Produkte seit 13 Jahren eine Herstellungserlaubnis nach dem Arzneimittelgesetz. Dennoch müssen wir nun auf Grund geänderter Richtlinien durch ein europäisches Zulassungsverfahren. Das verschlingt erhebliche finanzielle Mittel. Wir gehen davon aus, dass nicht jedes Unternehmen diesen Zulassungsprozess erfolgreich durchlaufen kann. Das sollte unsere Marktposition langfristig stärken und auch unseren Unternehmenswert deutlich erhöhen.

Wie finanzieren Sie sich?

Wir finanzieren uns ausschließlich über Eigenkapital. 2001 ging co.don an die Börse, inzwischen gab es mehrere Kapitalerhöhungen. Und natürlich haben wir auch Fördermittel bekommen, vom Land Brandenburg und der Bundesregierung.

Reichen Ihre finanziellen Reserven aus?

Wir wollen unsere Eigenkapitalbasis weiter stärken, auch wenn dies in der heutigen Zeit deutlich schwieriger geworden ist.

Wie bewerten Sie den Standort Deutschland aus Sicht eines Biotechunternehmens?

Bei Forschung und Entwicklung muss sich Deutschland nicht verstecken. Auch als Produktionsstandort und für die klinischen Anwendungen spielt Deutschland weltweit eine ganz zentrale Rolle. Aber für forschende Biotechnologieunternehmen ist es wegen der hohen Bürokratielasten schwierig, die sehr guten Ergebnisse aus dem Labor wirtschaftlich umzusetzen. Hier wären weniger Bürokratie und mehr Marktbewusstsein auch auf administrativer Ebene sicher hilfreich.