
Robert B. Zoellick, Präsident der Weltbankgruppe
20 Jahre nach der Vereinigung Deutschlands und Europas sieht sich die EU grundlegenden Herausforderung gegenüber, die die Staatskunst dieser Generation fordern. Der Umgang mit dieser Herausforderung ist keinesfalls einfach. Mein wichtigster Rat lautet jedoch, sich ihr zu stellen und zu handeln. So, wie wir es vor 20 Jahren getan haben: nicht rückwärts gerichtet oder spontan, sondern strategisch, kreativ und vorausschauend.
Seit 1949 leistet Deutschland seinen Beitrag zur Integration Europas. In einem Europa, das neuen Herausforderungen ausgesetzt ist, kann die Bundesrepublik einmal mehr formend in die europäische Debatte eingreifen.
Das im Mai von der EU gebilligte Finanzpaket war lebensnotwendig. Als sich Unsicherheit und Angst über die globalen Märkte ausbreiteten, handelte Europa mit einer gemeinsamen Stimme. Aber diese Antwort gewährt nur Aufschub. Jetzt muss die richtige Diagnose gestellt werden. Dabei können die Grundsätze Ludwig Erhards weiterhelfen.
Erhard war der festen Überzeugung, dass Einzelpersonen, Familien und Unternehmen die stärksten Motoren für Wachstum und Wohlstand sind. Erhard glaubte auch an die Rolle des Staates, sah jedoch seine Einmischung mit Skepsis. „So, wie im Fußball der Schiedsrichter nicht mitspielen darf, hat auch der Staat nicht mitzuspielen“, hat Erhard gesagt.
Was können wir für heute daraus lernen? Zum Beispiel, dass Europa sein Wachstum fördern muss. Haushaltskonsolidierung ist notwendig, aber nicht genug. Ohne Wachstum sind Haushaltsanpassungen schmerzhafter, die Politik wird schwieriger. Deutschland und Europa haben heute eine neue Chance: Sie können ein Europa der Freiheit und Einheit schaffen, das in einer neuen multipolaren Wirtschaft gedeihen wird. Ich bin zuversichtlich, dass Deutschland seinem historischen Versprechen gerecht wird und dafür sorgt, dass ein integriertes Europa funktioniert. Das Schicksal eilt an uns vorbei. Wir können es ergreifen oder entfliehen lassen. Es wird nicht warten. Das sollten wir auch nicht.