Das tut man nicht!

Ursula Weidenfeld Publizistin, Trägerin des Ludwig-Erhard-Preises für Wirtschaftspublizistik

Ursula Weidenfeld Publizistin, Trägerin des Ludwig-Erhard-Preises für Wirtschaftspublizistik

Wenn der Name Utz Claassen fällt, winken viele Führungskräfte entnervt ab. Der frühere McKinsey-Mann und EnBW-Chef gilt den eigenen Leuten als Beispiel dafür, wie sich Manager nicht verhalten dürfen. Einen neuen Posten in einem kleinen Unternehmen anzunehmen, wieder hinzuwerfen, aber die Antrittsprämie in Millionenhöhe behalten zu wollen: Das tut man nicht.

Was für mich gilt, soll auch für alle anderen gelten können. Diese – zugegeben sehr schlichte – Fassung des kategorischen Imperativs ist gewaltig ins Rutschen geraten. Es sind auch Unternehmer, die sich heute Sorgen um den Zusammenhalt der Gesellschaft machen. Zu Recht.

Was kann man tun, und was nicht? Diese Frage zu beantworten, ist in Deutschland ein bisschen komplizierter als anderswo. Umfangreiche Schutzbestimmungen, das Tarifvertragswesen, die Betriebsverfassung und die Sozialpartnerschaft sorgen dafür, dass die Rechte von Chefs und ihren Mitarbeitern in Deutschland zum größten Teil ausformuliert und gesetzlich verankert sind.

Geht es also tatsächlich um die „Moralisierung des Rechts“, wie Claassen selbst klagt? Oder ist es nicht vielmehr so, dass die Moral in Deutschland so verrechtlicht ist, dass nur wenig Freiraum für den Anstand bleibt. Würde ein ehrbarer Kaufmann ein neues Auto kaufen, wenn es seiner Firma schlecht geht? Würde er den diebischen Angestellten feuern, oder bekäme er eine zweite Chance? Das sind Fragen, die Unternehmer und Manager bei www.das-tut-man-nicht.de gestellt haben. Die Antworten darauf? Hier sind einige:

Nicola Leibinger-Kammüller
1. Mein Dienstwagen ist fällig, ich würde gern einen hochklassigen Neuwagen anschaffen. Doch der Firma geht es nicht so gut, ich muss mich von zwei meiner zehn Mitarbeiter trennen. Kann ich das trotzdem machen?

Das ist eine Frage, die beim Werkzeugmaschinenbauer Trumpf in Ditzingen auf den Index käme. „In einer solchen Situation ist das völlig ausgeschlossen“, urteilt Unternehmenschefin Nicola Leibinger-Kammüller. Sie rät energisch zur Anschaffung eines praktischen und preiswerten Autos. „Keiner wird verstehen, dass auf der einen Seite Kosten gesenkt und Beschäftigte entlassen werden, wenn auf der anderen Seite Geld für ein Luxusgefährt da ist.“ Leibinger-Kammüller geht es nicht nur um die Binnensicht auf den neuen Dienstwagen des Chefs. Ihr geht es auch um das Ansehen von Unternehmern in der Gesellschaft: „Als Unternehmer muss man vor allem eines sein: Vorbild.“

Michael Rogowski
2. Ich habe meinen Mitarbeitern einen Bonus versprochen, als es der Firma schlecht ging und sie Verzicht geübt haben. Jetzt geht es uns besser, und ich könnte in eine kleine Erweiterung investieren – oder den Bonus bezahlen.

Der frühere Voith-Chef und BDI-Präsident Michael Rogowski ahnt, was der Unternehmer am liebsten täte: den Bonus vertagen. Aber: „Versprechen bricht man nicht einfach. Als Mittelständler können Sie die Mitarbeiter befragen, ob sie auf den Bonus verzichten, wenn Sie zusätzliche Arbeitsplätze schaffen.“ Rogowski macht sich keine Illusionen: „Es wäre natürlich schön, alle würden zustimmen. Vermutlich ist das aber nicht der Fall. Wer nicht verzichten will, muss – wie versprochen – den Bonus erhalten.“

Klaus Schweinsberg
3. Ein Mitarbeiter eines Handwerksbetriebs klaut bei einer Kundin. Muss er sofort entlassen werden?

Wenn Mitarbeiter stehlen, hat der Arbeitgeber das Recht auf seiner Seite. Doch gerade Familienunternehmer, die ihre Mitarbeiter oft seit Jahren kennen, tun sich schwer damit. Der Bonner Familienunternehmensberater und frühere Capital-Chefredakteur Klaus Schweinsberg kann das nachvollziehen. „Jeder darf mal einen Fehler machen. Und zwar genau einen.“ Wenn ein Mitarbeiter über lange Jahre gute Arbeit geleistet hat, würde er nicht kündigen. „Das Signal an den Rest der Belegschaft: Jeder verdiente Mitarbeiter bekommt hier eine zweite Chance. Ist der Mitarbeiter erst seit kurzer Zeit bei Ihnen, würde ich ihn entlassen. Signal an die Mitarbeiter: Wer hier anheuert und klaut, hat keine Chance.“ Denn eine solche arbeitsrechtliche Entscheidung betrifft nicht nur den einzelnen Mitarbeiter. Sie wird von der gesamten Belegschaft wahrgenommen.

Caspar von Hauenschild
4. In meiner Firma gibt es einen Ethik-Kodex – und die Realität. Ich erlebe, dass es hier auch nicht viel besser ist als woanders. Ich habe Angst, genau so abzustumpfen wie meine Kollegen, wenn ich hier bleibe.

Viele Unternehmen haben das Problem, dass sie sehr klar sind, was ihre Grundsätze angeht. Doch gelegentlich hapert es mit der Umsetzung und der Kontrolle. „Wenn es um das weit verbreitete Wegschauen geht – Codes of Conduct mit hohen Werten, aber ohne Transparenz und Diskurs über Konflikte im betrieblichen Alltag – dann legen Sie den Konflikt auf den Tisch ihres Chefs“, sagt Transparency International Deutschland-Vorstand Caspar von Hauenschild. Der ehemalige Vorstand der Bayerischen Vereinsbank würde nicht gleich die Brocken hinwerfen. Aber wegschauen dürfen Mitarbeiter auch nicht: „Dann laufen Sie das Risiko gegrillt zu werden, wenn der Fall eben doch rauskommt, zum Beispiel bei der nächsten Betriebsprüfung.“ Erst wenn das alles „zu nichts führt, dann ist es Zeit zum Wechseln.“

Rudolf Hickel
5. Müssen wir Älteren im Betrieb schweigen – und gehen, damit die Jüngeren bleiben können?

Jedes Unternehmen, das betriebsbedingt kündigen muss, macht eine Sozialauswahl. Doch es sorgt sich auch darum, dass das Verhältnis älterer und jüngerer Mitarbeiter in der Waage bleibt. Da kommt man schnell auf den Gedanken, die Älteren zu bitten, zurückzutreten. Schließlich haben sie es nicht mehr so lange bis zur Rente. Der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel sagt, es sei Unsinn, so zu tun, als stünden nur die Jüngeren unter wirtschaftlichen Zwängen. Hickel verlangt von verantwortungsbewussten Unternehmern, über das gesetzlich Gebotene hinaus eine solidarische Lösung. „Den Beitrag zur Solidarität müssen dann alle leisten, ob jung oder alt“.

Dr. Andreas Foeller
6. Die Tochter einzustellen, verursacht steuerlich wirksame Personalkosten und spart den Scheck fürs Studium. Das Kind soll ja nicht richtig arbeiten. Moralische Bedenken wischt der Steuerberater vom Tisch. Das machen alle, sagt er.

Der Münchner Personalberater Andreas Foeller lässt das nicht gelten. Denn: „Eine amoralische Handlung wird auch dadurch nicht moralisch, dass die anderen genauso amoralisch handeln.“