Die Geopolitik der Rohstoffe

Ludolf von Löwenstern, Persönlich haftender Gesellschafter Ludolf von Löwenstern BvL Liegenschaftsverwaltung CC Holding Verwaltungs- und Beteiligungs­gesellschaft

Ludolf von Löwenstern, Persönlich haftender Gesellschafter Ludolf von Löwenstern BvL Liegenschaftsverwaltung CC Holding Verwaltungs- und Beteiligungs­gesellschaft

Deutschland war jahrzehntelang Exportweltmeister und ist seit 2009 Vize-Exportweltmeister. Was bei dieser Aussage meist unter den Tisch fällt, ist die Abhängigkeit Deutschlands von einem gesicherten Import der meisten Rohstoffe und Primärenergien. Denn nur, wenn sie vorhanden sind, kann hierzulande etwas produziert oder veredelt und dann wieder exportiert werden. Über 65 Prozent des Warenverkehrs werden über den Seeweg abgewickelt. Tendenz steigend.

21. Jahrhundert – ein maritimes Jahrhundert

Das 21. Jahrhundert ist ein maritimes Jahrhundert und entsprechend bekommt auch die maritime Dimension von Sicherheit für ein eher kontinental ausgerichtetes Land wie Deutschland eine neue, elementare Bedeutung. Die Folgen des Klimawandels zeichnen die Karten von Land und Meer um. Die Eisschmelze in der Arktis lässt den Ozean des Nordens entstehen und die dortigen Rohstoffquellen erschliessbar machen. Dies hat wesentliche geostrategische Auswirkungen und kann neue Bedrohungen hervorrufen. Die Nordost- und die Nordwestpassage öffnen sich als zukünftige internationale Wasserstraßen und zusammen mit dem Zugang zu den Rohstoffvorkommen, wirft dies Fragen und Konflikte auf, die sich wohl nicht von selbst lösen werden.

Dies bedarf der geostrategischen Aufmerksamkeit und geopolitischer Weisheit – nicht nur aus USA und Russland, Dänemark, Norwegen und Kanada, sondern auch aus dem restlichen Europa und damit auch aus Deutschland. Es geht um den Zugang zu strategischen Ressourcen wie Öl etc., der Freiheit und vor allem der Offenheit der Meere als vitales Interesse einer jeden Industrienation. In diesem Zusammenhang geht es um die Weltordnung und die Frage, wer sie gegebenenfalls durchsetzt.

Die Geopolitik der Rohstoffe

Das Schachbrett ist nicht das Land, sondern das Meer. Viele Institutionen und so auch die sich im Deutschen Marine Institut engagierten Persönlichkeiten befassen sich mit dem Thema und arbeiten daran, es auch politisch immer wieder auf die Agenda zu setzen und das Verständnis für maritime Zusammenhänge zu pflegen und zu fördern. Auch Thomas Kossendey, der Parlamentarische Staatssekretär im BMVg, sagt zu Recht: „Nicht mehr das Land, sondern das Meer bestimmt die Koordinaten der zukünftigen Weltordnung. Weltmacht ist mehr als je zuvor Seehandelsmacht – einschließlich der Bereitschaft, diese zu verteidigen“.

China – Meister der strategischen Rohstoffsicherung

Zurück zur „Geopolitik der Rohstoffe“. Eine Unterbrechung der Rohstoff- und Warentransporte über See hätte, wie während der Ölkrise der 70-er und 80-er Jahre des 20. Jahrhunderts, dramatische Folgen für die Funktionsfähigkeit der Wirtschaft, die Beschäftigungslage und die Stabilität unserer Nation.

Gerade beim Thema Energie sind wir auf fairen Ressourcenzugang und zuverlässige Importe angewiesen. Trotz der weltweiten Anstrengungen zur Nutzung von alternativen Energien werden Erdöl und Erdgas zumindest bis zum Jahr 2030 den größten Anteil des weltweiten Anstiegs der Nachfrage decken müssen. Angesichts unserer Abhängigkeit von Importen sind sie als besonders sensitive, geostrategische Güter für die deutsche Volkswirtschaft einzustufen. Die weltweite Versorgung mit Energie und knappen Rohstoffen ist aber auch eines der absoluten Topthemen auf der globalen Sicherheitsagenda. Immer mehr besorgte Blicke richten sich dabei auf China, das sich in den vergangenen Jahren zu einem wahren Meister der strategischen Rohstoffsicherung auch außerhalb des eigenen Territoriums entwickelt hat. So gehen Experten davon aus, dass bald 90 Prozent des weltweiten Lithium-Vorkommens – Grundlage etwa der Lithium-Ionen-Batterien von Elektroautos – fest in chinesischer Hand sind. Auch 87 Prozent der Weltförderung von Wolfram gehören den Chinesen, außerdem fast 100 Prozent des seltenen Edelmetalls Neodym. Abhängigkeit ist also kein Zukunftsszenario, sondern längst Realität.

Ohne Wasser geht gar nichts

Es gibt aber einen weiteren Rohstoff, ohne den gar nichts geht: Wasser. Wasser ist der wichtigste Rohstoff der Zukunft. Kein anderer ist so bedeutend, nicht einmal das Rohöl. Den größten Anteil am weltweiten Verbrauch hat die Landwirtschaft. Wasser versorgt uns aber nicht zuletzt auch mit Energie. Trinkwasser ist zugleich das wichtigste Nahrungsmittel für Menschen, Tiere und Pflanzen. Längst ist Wasser ein weltweites Lifestyle-Produkt: Die Nachfrage nach in Flaschen abgefülltem Wasser ist sprunghaft gestiegen, nicht nur in den industrialisierten Ländern Westeuropas, sondern sogar in den Entwicklungsländern mit ihren oft unhygienischen Trinkwasserquellen.

Bei uns ist die Verschwendung noch groß: Experten schätzen z.B., dass selbst in den entwickelten Ländern sage und schreibe die Hälfte des eingesetzten Wasser im Versorgungsnetz verloren geht. In Deutschland liegt der Anteil „nur“ zwischen fünf und zehn Prozent, in Spanien sind es schon 25 Prozent. Allein in London versickern täglich 800 Millionen Liter durch Lecks im Leitungssystem.

Unglaubliche Dimensionen. In Deutschland ist das Wasserrohr- und Kanalisationsnetz so lang, dass es 13 Mal um die Erde reichen könnte. Entsprechend aufwändig ist die Modernisierung und Instandhaltung. Hierzulande, wie in anderen Ländern, wird die Wasserversorgung und -aufbereitung und am Ende auch die Abwasserentsorgung in der Regel von den Kommunen betrieben. Doch gibt es Privatisierungstendenzen. Eine Liberalisierung scheint geboten, weil neue Finanzierungswege gefunden werden müssen. Selbst kommunale Wasserversorger, wie Gelsenwasser oder Hamburg Wasser, drängen in den Markt für private Anwendungen.

Der Zugang zu Wasser erzeugt schon heute Konflikte, die sich mit dem Bevölkerungswachstum und der Klimaerwärmung vervielfachen werden. Wasser hat in den letzten 60 Jahren bei 37 Kriegen eine entscheidende Rolle gespielt. Bis ins Jahr 2025 wird es zwei Dritteln der Weltbevölkerung an Wasser fehlen. Man kann davon ausgehen, dass sich die Konflikte im 21. Jahrhundert um Rohstoffe drehen werden und insbesondere um Wasser, das überall knapper wird.

Wasser ist der wichtigste Rohstoff der Zukunft. Kein anderer ist so bedeutend, nicht einmal das Rohöl.Marine ist auf Unterstützung durch Politik und Gesellschaft angewiesen

Welches geostrategisches Konzept verfolgt eigentlich die deutsche Politik und welche Initiativen hat sie bereits unternommen? Es stellt sich die Frage nach dem übergreifenden geopolitischen Masterplan für Deutschland. Viel – immer mehr – wird dabei auch von der Bundswehr und gerade von der Marine erwartet. Doch um die maritime Sicherheit für unser Land zu gewährleisten, braucht die Marine als maritimer Fähigkeitsträger der Bundeswehr von den politisch Verantwortlichen endlich Antworten auf einige schon seit Jahren drängende Fragen: Welches sind unsere nationalen Interessen? Welche Rolle spielt die See dabei? Welche maritimen Aufgaben soll die Bundeswehr zum Schutz unserer Wirtschaft, unserer Bevölkerung und ihrer Interessen erfüllen können? Wie kann der finanzplanerische Bedarf der Bundeswehr und deren maritime Fähigkeiten gedeckt werden? Wie können wichtige Neubauvorhaben so geplant werden, dass die nationale Marineschiffbauindustrie und deren Know How eine Berücksichtigung erfahren bzw. erhalten bleibt? Oder wie will die Bundesregierung den Dienst in den Streitkräften vor dem Hintergrund der dramatischen demografischen Entwicklung attraktiv erhalten?

Die Deutsche Marine hat den Anspruch, den an sie gestellten Erwartungen auch in Zukunft gerecht zu werden. Doch leisten kann sie all das nur, wenn sie die notwendige Unterstützung von Politik und auch Gesellschaft erfährt, ihre Fähigkeiten den sich aus den geopolitischen, geostrategischen und geoökonomischen ergebenden Anforderungen ständig weiter angepasst werden. Denn wie es der ehemalige Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Nolting formulierte: „Auf die Dauer laufen wir jedoch Gefahr, aus der Substanz zu leben.“

Zur Person Ludolf Baron von Löwenstern,

Fregattenkapitän d.R., ist persönlich haftender Gesellschafter der CC HOLDING Verwaltungs- und Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in Hamburg. Er ist ehrenamtlich in verschiedenen Institutionen engagiert, unter anderem im Wirtschaftsrat Deutschland als Mitglied im Bundesvorstand und Vorsitzender der Hamburger Kommission ITK Informations- und Telekommunikationstechnologie (gegr. 1994), Deutsches Marine Institut, Gründer und Gastgeber der Ratsherren-Runde. Das Wirtschaftsforum.