WR Hessen: Die geplante „Oberschule“ – ein Irrweg

Bildungspolitik bleibt Ländersache!

Bildungspolitik bleibt Ländersache!

Trotz erheblicher Widerstände Baden-Württembergs und Hessens, die eine Einmischung des Bundes in die Schulpolitik strikt ablehnten, verabschiedete eine große Mehrheit auf dem Parteitag der CDU in Leipzig den Leitantrag „Bildungspolitik Deutschland“. Darin wird u. a. die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen empfohlen. Neben dem Gymnasium gäbe es dann eine Art „Oberschule“. Wünschenswert sei, wie es hieß, langfristig eine einheitliche Bezeichnung für die neue Schulform zu finden, mit der sich die CDU vom traditionellen und erfolgreichen dreigliedrigen Schulsystem verabschiedet.

Weil Schulpolitik Ländersache ist, steht die Tür für endgültige Entscheidungen auch in Hessen weiterhin offen. Von den Mitgliedern der Landesfachkommission Bildung im Landesverband Hessen des Wirtschaftsrats wird der in Leipzig verabschiedete Ansatz äußerst kritisch gesehen. Nachfolgend werden Argumente vorgestellt, die zu einer sachgerechten Diskussion beitragen sollen.

Dieser Artikel ist die Kurzfassung eines ausführlichen Thesenpapiers zur Bildungspolitik, mit dem die Landeskommission bei den politischen Entscheidern ausdrücklich für die Beibehaltung des dreigliedrigen Schulsystem wirbt. Die ausführliche Fassung des Positionspapiers steht im Internet unter http://hessen.wirtschaftsrat.de zur Verfügung.

Mythos Nr. 1

Eine bundeseinheitliche „Oberschule“ dient der „Entwirrung“ von Eltern, Schülern und Lehrern aufgrund zu vieler Schulformen

Das Gegenteil ist der Fall. Der Begriff „Oberschule“ ist bereits verschiedentlich besetzt und suggeriert nicht zutreffende Bildungsinhalte, was die Verwirrung von Schülern und Eltern eher erhöht. Wenn dem Gymnasium eine – wie ausdrücklich postuliert – gleichwertige Schulform zur Seite gestellt wird, stellt sich sofort die Frage, warum man nicht konsequenterweise und flächendeckend die Ganztags-Gesamtschule als Einheits-Schulform für ganz Deutschland fordert. Dass mit einer derartigen „Bildungsreform“ eine Absenkung des gymnasialen Bildungsniveaus einhergehen wird, ist allen Fachleuten klar.

Mythos Nr. 2

Durch integrierte Schulsysteme werden Schüler und Schülerinnen besser gefördert

Neueste wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Schülerinnen und Schüler, die gegliederte Schulsysteme besuchen, gegenüber Schülern an integrierten Gesamtschulen am Ende der Mittelstufe über einen Wissensvorsprung von zwei Jahren verfügen. Integrierte Schulen – wie die Oberschule – sind demnach Schulen mit gegliedertem System leistungsmäßig weit unterlegen.

Mythos Nr. 3

Das Zwei-Wege-Modell verbessert die Integration von Kindern aus „bildungsfernen Schichten“

Ein gemeinsames Lernen bis Klasse 6 führt keineswegs dazu, dass soziale Disparitäten abgebaut werden; diese nehmen vielmehr eher zu. Mit der Aufgabe des mehrgliedrigen Schulsystems wird eine explizite Verschärfung sozialer Privilegien einhergehen und eine Spaltung unserer Gesellschaft in mehr und in weniger Bildungsprivilegierte in Kauf genommen. Dies hat zur Folge, dass aufgrund des Elternwillens die Oberschule in wenigen Jahren ein ähnliches Schicksal erleiden wird wie die heutige Hauptschule.

Mythos Nr. 4

Die Einführung einer „Oberschule“ löst die am Ausbildungsmarkt bestehende Nachwuchsproblematik und erhöht die Qualifikation der Schulabgänger

Die Qualität des Unterrichts leidet, wenn mehrere Schulformen mit heterogener Schülerbegabung zusammengefasst werden. Das Zusammenlegen von Haupt- und Realschulen zu einer „Oberschule“ führt damit gerade nicht zu qualifizierteren Bildungsabschlüssen. Schüler mit ihren unterschiedlichen Begabungen benötigen eine differenzierte individuelle Förderung.

Mythos Nr. 5

Das Zwei-Wege-Modell ermöglicht „bildungsferneren Schichten“ verbesserte Chancen am Arbeitsmarkt

Mit dem dreigliedrigen Bildungssystem hat die Wirtschaft in der Vergangenheit beste Erfahrungen gemacht. Bei aller Reformbedürftigkeit in den einzelnen Schulformen spiegelt das dreigliedrige Bildungssystem die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes am besten wider. Eine Reduzierung auf zwei Schulformen verbessert nicht die Chancen der „bildungsfernen Schichten“, sondern führt zu einer Verschulung eher praxisorientierter junger Menschen.

Mythos Nr. 6

Die Abschaffung der Hauptschule entspricht dem Elternwillen, da immer weniger Eltern für ihre Kinder den Hauptschulabschluss anstreben

Die fehlende Unterstützung der politischen Entscheidungsträger für die Hauptschulen hat zu deren Degradierung geführt. Dies ist die Ursache für die geringe Attraktivität der Hauptschule bei den Eltern, obwohl am Arbeitsmarkt ausreichende Nachfrage besteht. Nicht die Abschaffung der Hauptschule löst das Problem, sondern deren inhaltliche Neuausrichtung mit ausreichender finanzieller Ausstattung, damit Kinder mit Integrationsbedarf und aus „bildungsfernen Schichten“ auch in der Hauptschule die notwendige Förderung erhalten. Qualifizierte Haupt- und Realschulabschlüsse – wie in Hessen praktiziert – sind der richtige Weg in die richtige Richtung.

Resümee

Humboldt hat Recht! Wir sollten uns bei aller Berechtigung um bildungspolitische Verbesserungen vergegenwärtigen, dass die Humboldt’sche Bildungstradition unsere Gesellschaft und Wirtschaft dorthin geführt hat, wo wir heute noch stehen.

Das vorgeschlagene Zwei-Wege-Modell ist keine Weiterentwicklung des gegliederten Schulsystems, sondern ein Rückschritt, der eine Zwei-Klassen-Bildungsgesellschaft fördert und zu einer Verschlechterung der Ausbildungsniveaus in allen Schularten führen wird.

Bei der Fortschreibung des in Deutschland sehr erfolgreichen dualen Ausbildungssystems ist nach Meinung der LFK Bildung vielmehr eine inhaltlich differenzierte Stärkung der Haupt- und Realschulen notwendig, um einer weiteren gesellschaftlichen Fehlentwicklung hinsichtlich der Akzeptanz dieser Schularten bei den Eltern entgegenzusteuern.

Carl-Alexander Graubner
Vorsitzender der Landesfachkommission
Bildungspolitik im Wirtschaftsrat Hessen