Von Dr. Ursula von der Leyen
Der demographische Wandel ist in vollem Gange.
Wir werden älter, wir werden weniger. Aber wir können und müssen die Folgen dieses Prozesses bewältigen. Wie gut uns das gelingt, hängt entscheidend davon ab, wie wir unsere Arbeitswelt neu gestalten. Die große Frage ist: Wer leistet die Arbeit von morgen? Wie können wir insbesondere die Lücke bei den Fachkräften schließen?
Der Pool wird kleiner
Aktuell haben wir keinen flächendeckenden Fachkräftemangel in Deutschland, aber Engpässe in einzelnen Berufen und Regionen. Es fehlen nicht nur hochqualifizierte Akademiker, sondern ebenso Handwerker und Facharbeiter. Bereits heute sieht jedes dritte Unternehmen Probleme, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Innerhalb der nächsten 15 Jahre nimmt demographisch bedingt das Erwerbspersonenpotenzial um mehr als sechs Millionen Menschen ab. Auch wenn diese Zahl nicht mit der tatsächlichen Fachkräftelücke von übermorgen verwechselt werden darf, die niemand seriös vorhersagen kann, so zeigt sie doch den Trend auf: Der Pool, aus dem unsere Wirtschaft künftig Talente schöpfen kann, wird zwangsläufig kleiner.
Unerwünschte Folgen
Was bedeutet Fachkräftemangel für eine Volkswirtschaft? Es kommt zur verstärkten Automatisierung, Unternehmen setzen notgedrungen auf Maschinen, wo bisher Menschen eingesetzt waren. Das mindert die Chancen von Geringqualifizierten. Oder die Unternehmen investieren weniger, weil sie bei geringerem Arbeitskräfteangebot in Deutschland Aufträge nicht mehr annehmen können. Die Kapitalrendite sinkt. Weiterhin führt Fachkräftemangel zur Arbeitsverdichtung, also zu höheren Arbeitszeiten für die, die da sind. Das konterkariert die Bemühungen um eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das alles wollen wir nicht.
Günstige Ausgangslage
Deshalb ist der Fachkräftemangel die Herausforderung der nächsten Jahre. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Die Ausgangslage ist günstig wie schon lange nicht mehr. Die Wirtschaft hat die Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise überwunden. Trotz Abschwächung der konjunkturellen Dynamik dürfte sich der Arbeitsmarkt auch im kommenden Jahr als robust erweisen, könnte die Zahl der Arbeitslosen auch 2012 im Jahresschnitt erneut unter drei Millionen liegen. Die weitere gute Nachricht ist: Wir können das Fachkräfteangebot erheblich steigern; wir sind noch nicht am Anschlag.
Potenziale

Dr. Ursula von der Leyen MdB, Bundesministerin für Arbeit und Soziales
Vor allem müssen wir den Blick auf die Menschen richten, die bislang am Rand des Arbeitsmarkts standen. Bei der Erwerbsbeteiligung der Älteren haben wir bereits einige Fortschritte erzielt. Die Abschaffung der Vorruhestandsregelungen und die schrittweise Einführung der Rente mit 67 bis 2029 führen in die richtige Richtung. Die Betriebe richten ihr Augenmerk nun stärker auf die Potenziale der Älteren – deren wertvolles Betriebswissen, deren Erfahrung und soziale Kompetenz. Ebenso setzt ein Umdenken ein, um Ältere möglichst lange in Arbeit zu halten, etwa durch Weiterbildung und Gesundheitsvorsorge. Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen wie das Bundesprogramm „Perspektive 50plus – Beschäftigungspakte in den Regionen“ und die „Initiative Neue Qualität der Arbeit“ (INQA) flankieren zudem den Ausbau altersgerechter Arbeitsplätze in den Unternehmen.
Das größte kurzfristig erschließbare Potenzial liegt bei den Frauen: Deutschland steht mit einer Frauenerwerbsbeteiligung von fast 70 Prozent zwar recht gut da, aber nur 55 Prozent arbeiten Vollzeit. In fast allen anderen EU-Ländern sind es mehr.
Vereinbarkeit Beruf und Familie verbessern
Daran lässt sich etwas ändern. Viele Frauen wollen arbeiten oder ihre Arbeitszeit erhöhen. Dazu müssen wir vor allem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiter verbessern. Die Politik hat hier in den letzten Jahren die richtigen Schritte gemacht, angefangen beim Elterngeld, über den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz vom ersten Lebensjahr an ab 2013 bis hin zu Ganztagsschulprogrammen. Auch die Wirtschaft muss das Thema offensiver anpacken: In ihrem eigenen Interesse müssen die Unternehmen mehr familiengerechte Arbeitsplätze bieten. Noch fehlt es in vielen Betrieben an klugen Modellen, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, aber auch von Beruf und Pflege zu verbessern.
Talente der Frauen sind Wettbewerbsvorteil
Wir brauchen die Frauen aber nicht nur in der Breite, sondern auch in der Spitze der Wirtschaft. 56 Prozent der Abiturienten, die Hälfte der Hochschulabsolventen sind weiblich. Doch ihre Bildungserfolge finden sich nicht im Arbeitsmarkt in den Spitzenpositionen wieder. Gerade einmal drei Prozent Frauenanteil gibt es im Vorstand der 200 größten börsennotierten Konzerne und magere vier Prozent auf der Anteilseignerseite im Aufsichtsrat. Auffallend ist, dass sich an diesen einstelligen Anteilsquoten in den letzten zehn Jahren nichts geändert hat, während in kleinen und mittleren Unternehmen inzwischen ist jede vierte Führungsposition mit einer Frau besetzt ist. Der hocherfolgreiche deutsche Mittelstand zeigt, dass diverse Führungsgremien beste Ergebnisse liefern. Und er widerlegt eindrucksvoll das Argument, es gäbe nicht ausreichend qualifizierte Frauen für Spitzenpositionen. Es wird Zeit, dass auch die großen Konzerne nachziehen und die gläserne Decke zerschlagen. Denn sonst lautet das Signal an die besten weiblichen Köpfe: Du darfst mitarbeiten, aber Karriere bis an die Spitze machen, kannst Du hier nicht. Wir brauchen hier in Zukunft handfeste, nachprüfbare Fortschritte, damit der deutsche Arbeitsmarkt im globalen Wettbewerb um die Talente nicht ins Hintertreffen gerät.
Die besten Köpfe aus dem Ausland
Wie wir es auch drehen und wenden: Wir werden die Lücken nicht allein mit hiesigen Arbeitskräften schließen können. Wir brauchen in Mangelberufen auch gut qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland. Gefragt sind nicht die billigsten Arbeiter, sondern die besten Köpfe. Nur eine Zuwanderung mit genauem Blick für die Bedarfe am Arbeitsmarkt hilft uns weiter. Es müssen Menschen sein, die zu uns passen und unsere Wirtschaft voranbringen.
Viele qualifizierte Arbeitskräfte ziehen an unserem Land vorbei. Oft liegt es an der Sprachbarriere Deutsch. Zu oft haben wir in der Vergangenheit noch weitere Barrieren errichtet. Wir müssen in Zukunft um ausländische Talente gezielt werben und dafür auch bürokratische Hindernisse beseitigen. Deswegen hat die Bundesregierung die Vorrangprüfung der Bundesagentur für Arbeit für Mangelberufe wie Ärzte oder Ingenieure ausgesetzt und ein Gesetz für die leichtere Anerkennung ausländischer Qualifikationen auf den Weg gebracht, das jetzt in Kraft getreten ist. Ein weiterer Schritt, um den Zuzug von Fachkräften aus Nicht-EU-Staaten zu erleichtern, wird die Absenkung der Gehaltsschwelle für die sofortige Niederlassungserlaubnis sein – Stichwort „EU Blue Card“.
Gesellschaft der neuen Chancen
Es reicht allerdings nicht aus, lediglich die formalen Hürden zu senken. Die gleichen Fragen, die sich qualifizierte Zuwanderer stellen, stellen sich auch junge hochqualifizierte Menschen aus Deutschland, wenn es zu entscheiden gilt, ob sie hier im Land oder anderswo ihren Beruf ausüben wollen. Ein Arzt oder Ingenieur fragt sich, ob auch seine Frau bei uns eine attraktive Stelle findet. Oder ob sein Kind in eine gute Ganztagsschule gehen kann. Nicht immer fallen die Antworten positiv aus.
Sehen wir den demographischen Wandel als eine treibende Kraft für uns alle. Werden wir eine Gesellschaft der neuen Chancen: familienfreundlich, altersgerecht und weltoffen. Dann wird unser Land eine gute Zukunft haben.
