Wachstumsfinanzierung

Herausforderung für deutsche Unternehmen

Von Sascha Haghani und Jürgen Müller

Deutsche Unternehmen sehen bei sich selbst weiterhin Wachstum am Horizont, schätzen jedoch das allgemeine Wirtschaftswachstum vor dem Hintergrund der zunehmenden Staatsverschuldung einiger EU-Länder deutlich kritischer ein. Die Finanzierung von Unternehmen ist vor allem im Bezug auf Wachstum darauf auszurichten. Dafür greifen Unternehmen – vor allem aus dem mittelständischen Bereich – zunehmend auch auf Finanzinvestoren und Mittelstandsanleihen zurück. Hierbei spielt bei der Auswahl der Finanzierungsinstrumente neben dem Kostenaspekt die Risikobewertung eine sehr wichtige Rolle. Denn die finanzielle Instabilität einiger EU-Länder und die gefährdete Euro-Stabilität haben Unternehmen für Länderrisiken sensibilisiert.

Das sind die Ergebnisse der neuen Studie „Herausforderungen für Unternehmen in der Wachstumsfinanzierung im aktuellen Marktumfeld“ der Strategieberatung Roland Berger.

Divergenzen in den Erwartungen

Seit 2009 konnten deutsche Unternehmen ihre Profitabilität steigern und die Verschuldung reduzieren. Sie haben daher die letzte Krise gut überstanden. Die anschließende Euro-Krise zeigt aber bereits erste Auswirkungen auf die Realwirtschaft: Eine Abkühlung der Konjunktur zeichnet sich ab. Deutsche Unternehmen sind jedoch immer noch positiv eingestimmt: 54 Prozent von ihnen erwarten bis 2013 ein jährliches Wachstum von drei bis zehn Prozent.

Hier besteht eine deutliche Divergenz in den Wachstumserwartungen der Unternehmen. Während viele Firmen gegenüber der Entwicklung der Gesamtwirtschaft eine skeptische Haltung einnehmen, stehen sie dem eigenen Wachstum positiv gegenüber. Doch um weiter zu wachsen, benötigen Unternehmen die entsprechenden Finanzierungsmittel und -strukturen. Allerdings wirken sich wichtige Faktoren wie die Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften, steigende Energiepreise, die Rohstoffversorgungssicherheit und zum Teil auch die Eurokrise hemmend auf die Wachstumserwartungen der Unternehmen aus.

Sascha Haghani, Senior Partner und Leiter des Competence Center Corporate Finance bei Roland Berger

Wachstum im Ausland –
Hausbanken als bevorzugte Unterstützung

Die befragten Unternehmen erwarten weiteres Wachstum vor allem in Westeuropa (56 Prozent), China (40 Prozent), Asien (33 Prozent) und Osteuropa (25 Prozent). Südamerika spielt lediglich bei Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde E eine Rolle. Um den Ausbau ihrer Aktivitäten im Ausland zu finanzieren, setzen deutsche Unternehmen in den meisten Fällen auf ihre Hausbank (circa 65 Prozent). Denn gegenseitiges Vertrauen und eine lange Bindung an die Hausbank erleichtern den Zugang zu Finanzmitteln auch bei Auslandsinvestitionen.

Wachstum soll vorwiegend intern finanziert werden

Betrachtet man die Finanzierungsinstrumente, so zeigt sich, dass auch der klassische Bankkredit (64 Prozent) weiterhin eine große Rolle spielt. Das angestrebte Wachstum will die Mehrheit der befragten Unternehmen jedoch aus eigenen Mitteln generieren: Rund 94 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, Wachstum über den internen Cash-Flow finanzieren zu wollen. Denn deutsche Firmen konnten in den vergangenen Monaten hohe Liquiditätsreserven aufbauen. Außerdem legen sie besonders viel Wert darauf, eine gewisse Unabhängigkeit von den Banken zu bewahren.

Zunahme bei Private Equity und Mittelstandsanleihen

Ein neuer Trend ist die Zunahme von Private Equity als Finanzierungsmöglichkeit. Waren 2010 nur knapp 15 Prozent der Befragten für diese Möglichkeit, so suchen heute rund 80 Prozent der Firmen externe Investoren. Allerdings mit einer Einschränkung: 55 Prozent der Befragten bevorzugen eindeutig eine Minderheitsbeteiligung. Denn vor allem Mittelständler möchten nur begrenzt die Kontrolle über das eigene Unternehmen abgeben. Private-Equity-Investoren streben jedoch in der Regel eine Mehrheitsbeteiligung an. Alternativ setzten Mittelständler zunehmend auf Fremdkapitalinstrumente wie Anleihen. Dabei ist die Einhaltung von Mindestanforderungen, wie etwa die Vorlage eines externen Ratings, jedoch eine wichtige Voraussetzung, um das Vertrauen der Investoren zu erhalten.

Jürgen Müller, Senior Project Manager im Competence Center Corporate Finance bei Roland Berger

Unternehmen suchen niedrige Finanzierungskosten und geringes Risiko

Für die Unternehmen stehen bei der Auswahl der einzelnen Finanzierungsinstrumente niedrige Finanzierungskosten (88 Prozent) und ein geringes Risiko (87 Prozent) an oberster Stelle. Denn die vergangene Finanz- und Wirtschaftskrise sowie die hohe Verschuldung mancher europäischer Staaten haben dazu geführt, dass deutsche Unternehmen ihr Kapital vorsichtiger investieren.

Doch auch Finanzierer sind risikoscheuer geworden. So werden rund 56 Prozent der Finanzierungen nicht durchgeführt, weil die Finanzierungspartner deutlich vorsichtiger auf dem Markt agieren. Weitere Faktoren, die eine Finanzierung beinträchtigen können, sind ein schlechtes Rating des Unternehmens, hohe Finanzierungskosten und geringe Sicherheiten.

Länderrisiken haben direkte Auswirkungen

Vor allem die Problematik der Länderrisiken wird von 55 Prozent der Unternehmen als besonders wichtig eingestuft: Eine hohe Staatsverschuldung, der Ausfall von Forderungen von Kunden oder mögliche Währungsschwankungen haben direkte Auswirkungen auf die Entwicklung der Unternehmen. Davon sind größere mittelständische Unternehmen stärker betroffen, da sie breiter auf internationaler Ebene agieren. Doch aufgrund der zunehmenden Vernetzung der Waren- und Kapitalströme spüren auch kleinere Unternehmen zunehmend die Folgen der Instabilität mancher Länder. Aus diesem Grund sichern sich rund 70 Prozent der deutschen Unternehmen gegen Länderrisiken ab. Als geeignetes Mittel nutzen 32 Prozent von ihnen den gezielten Aufbau von Erlös- und Kostenpositionen in Fremdwährungen. Zusätzlich zu dieser natürlichen Absicherung (Natural Hedge) setzen außerdem 28 Prozent der Befragten auf Finanzderivate und zwölf Prozent auf Finanzierungen in der entsprechenden Fremdwährung.