Kooperation und Optimismus
Deutschland steht vor großen Herausforderungen. Durch den demographischen Wandel verschieben sich die Gewichte in der Gesellschaft. Unter dem Motto “Deutschland 2020: Reformunfähig oder fit für die Zukunft?” diskutierten vor diesem Hintergrund die Spitzenverbände der jungen Wirtschaft auf dem “Generationengipfel 2011” zentrale Zukunftsthemen. In einem Punkt waren sich alle Tagungsteilnehmer einig: Nur mit Kooperationsbereitschaft und Optimismus lässt sich die Zukunft gewinnen. „Unabhängig davon, wie die Zukunft konkret aussieht – fest steht: Um die Herausforderungen zu meistern, ist die Gesellschaft insgesamt gefragt“, resümierte Frank Berting, Vorsitzender des Bundesverbandes der Junioren des Handwerks. „Kooperieren und aufeinander zugehen – das müssen die Leitlinien in jeder Hinsicht sein.“
Rene S. Spiegelberger, Bundesvorsitzender des Juniorenkreises im Wirtschaftsrat, kritisierte, dass die Themen der jungen Generation häufig im Abseits stünden. Eine Mehrheit der jungen Mitglieder im Wirtschaftsrat sei mit der Politik der Bundesregierung nicht zufrieden. Er warnte vor Abwanderung, Politikverdrossenheit und einem Rückzug ins Private. “Die junge Generation muss sich dafür stark machen, die Blockade-Haltung bei Großprojekten und die Dagegen-Gesellschaft in Deutschland aufzubrechen”, mahnte Spiegelberger.
Tobias Schuhmacher, Bundesvorsitzender der Wirtschaftsjunioren Deutschland, forderte, die Generationengerechtigkeit zu einer Leitidee politischen Handels zu machen. „Wir setzen uns deshalb weiter dafür ein, dass Generationengerechtigkeit als Staatsziel im Grundgesetz verankert wird“, so Schuhmacher.
Christoph Plass, Mitglied im Vorstand der Unity AG, nannte fünf Programmpunkte, die aus Sicht der Wirtschaftsjunioren essentiell für die Zukunft seien. Die Gesellschaft müsse auf “ehrbares Unternehmertum” setzen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern, in Bildung investieren, nationale wie internationale Netzwerke knüpfen sowie innovationsstark und ressourcenbewusst handeln.
Erwin Teufel erklärte, Investitionen in Bildung und Forschung sollten künftig „absoluten Vorrang” haben. Aus Sicht des früheren Ministerpräsidenten Baden-Württembergs sind für Bildungsausgaben sogar Schulden legitim. „Kinder sind das wichtigste, was wir haben“, betonte Teufel. Sie symbolisierten Zukunftshoffnung und Optimismus. Er kritisierte jedoch, dass es hierzulande zu wenig Existenzgründer gebe.
Lasse Becker, der Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen, mahnte einen „echten Dialog” zwischen Wirtschaft und Politik an. Dabei dürfe man sich nicht nur gegenseitig kluge Ratschläge geben, sondern müsse sich künftig besser zuhören. Becker monierte, dass sich weder Wirtschaft noch Politik bislang hinreichend um mehr soziale Durchlässigkeit und bessere Aufstiegschancen für Kinder aus weniger privilegierten Bevölkerungsschichten kümmerten.
Die frühere Familienministerin Renate Schmidt sagte, dass die Politik in den vergangenen 25 Jahren nicht angemessen auf das demographische Problem reagiert habe, obgleich es absehbar war: „Schlicht und einfach deshalb, weil das niemand hören wollte!“

Der RCDS-Bundesvorsitzende Frederik Ferreau stimmte zu, kritisierte indes, dass die Politik die Probleme des demographischen Wandels auch heute noch nicht beherzt genug angehe.
Der Grünen-Politiker Volker Ratzmann wies auf die große Bedeutung der Haushaltskonsolidierung hin. „Wir sind wild entschlossen, das zu einem unserer Schwerpunktthemen zu machen.“ Zugleich müsse man aber auch dafür sorgen, in Zukunft ausreichend in Kindergärten, Krankenhäuser und Schulen zu investieren.
„Wir müssen aktiv die Zukunft gestalten. Investitionen in Bildung und Gesundheit werden dabei zu den entscheidenden Fragen“, glaubt Tomas Pfänder, Mitglied in der Landesfachkommission „Gesundheitswirtschaft“ des Wirtschaftsrates.
Für die DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert hängt die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Deutschland vor allem von Investitionen in Netze und Speichertechnologien ab. „Wir brauchen dringend Anreize für Investitionen, denn die Entscheidungsfenster der Investoren bleiben nicht für alle Zeiten geöffnet“, mahnte Kemfert.
Mit Blick auf demokratische Entscheidungsprozesse konstatierte Christoph Lauer von der Piratenpartei Deutschland ein „fundamentales Misstrauen“ in die Politik und einen Mangel an Authentizität. „Versuchen Sie, die Leute einzubinden, auch bei Großprojekten, und zwar frühzeitig!“, forderte Lauer.
Ulrich Alemann von der Universität Düsseldorf hingegen hält die beklagte Parteienverdrossenheit lediglich für einen „Medienmythos“. Das deutsche Parteiensystem sei im Vergleich zu europäischen Nachbarländern „erstaunlich stabil“, sonst hätte man längst den Aufstieg von Gruppierungen am rechten Rand zu beklagen.
Johannes Vogel, Vorsitzender der Jungen Gruppe der FDP-Bundestagsfraktion, bemerkte, die Schuldenkrise in Europa sei keine Sternstunde für die Demokratie. „Es gibt eindeutig eine Vertrauenskrise – und das liegt daran, dass wir als Politik zu wenig kommuniziert haben.“
Peter Hahne, Journalist, Berlin

